Hoher Kostendruck über den Wolken

18.12.2008 10:26 Uhr
Flugzeug
Die weltweite Rezession trifft Fluggesellschaften hart (Bild: ddp)

Fusionspoker setzt sich fort: Fluggesellschaften setzen in der Krise auf Größe

Frankfurt/Main. Der Ölpreis ist stark gefallen, doch bei den gebeutelten Fluggesellschaften in Europa macht sich kaum Erleichterung breit. Ihre Verluste dürften 2009 explodieren, und viele Airlines suchen ihr Heil in Zusammenschlüssen und Übernahmen. Einzig die Flugzeugbauer können sich noch auf einem Polster dicker Auftragsbücher ausruhen. Von Krise nichts zu spüren, heißt es dort. Und sollte die Rezession nicht allzu lange und tief werden, könnten Airbus, Boeing und die restlichen Hersteller weitgehend ungeschoren davon kommen, während viele ihrer Kunden ums Überleben kämpfen. Die Lufthansa befindet sich dabei in komfortabler Lage. Manch einem Luftfahrt-Manager erscheint es verlockend, in der Not unter die Flügel des profitablen Kranichs zu schlüpfen. Erst findet Brussels Airlines, dann Austrian Airlines (AUA) dort eine neue Heimat. Demnächst könnte die skandinavische SAS und am Ende die neue Alitalia an der Reihe sein. „Wir müssen noch viel mehr als bislang machen“, schraubte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber kürzlich die Erwartungen nach oben. Einzig die Branchenriesen Air France-KLM und British Airways gelten als nennenswerte Gegenspieler der Lufthansa bei der Konsolidierung in der Branche. Alle drei würden auch gerne in die Rolle des Partners für die nach der Fast-Pleite neu aufgestellte Alitalia schlüpfen. British Airways droht sich zugleich zwischen der spanischen Iberia und der australischen Qantas zu verzetteln. „Ich denke, es wäre vernünftiger, diesen Prozess innerhalb Europas zu beginnen“, fuhr Iberia-Chef Fernando Conte den Briten vor wenigen Tage in die Parade. Er will die Fusion mit British Airways 2009 unter Dach und Fach bringen. Dabei haben die großen drei – Lufthansa, Air France-KLM und British Airways – ichre Marktanteile bereits in den vergangenen vier Jahren zulasten kleinerer Anbieter ausgebaut. Ein Trend, der sich fortsetzen könnte. „Es reicht nicht, die Preise zu erhöhen, es muss zu Konsolidierungen kommen“, sagt Barig-Generalsekretär Martin Gaebges, dessen Verband praktisch alle in Deutschland tätigen Airlines vertritt. Ein Zusammenschluss von Air Berlin und Condor sowie ein Dreierbündnis des Lufthansa-Ablegers Germanwings mit TUIfly und der Thomas-Cook-Tochter Condor sind gescheitert. Ob eine Allianz zwischen Air Berlin und TUIfly zustande kommt, steht in den Sternen. Zu Zusammenschlüssen zwingt der Kostendruck. Europas Fluggesellschaften haben sich für viel Geld gegen hohe Treibstoffkosten abgesichert, doch nun ist Kerosin billig zu haben.Die weltweite Luftfahrt-Organisation IATA rechnet damit, dass sich die Verluste europaweit 2009 auf eine Milliarde US-Dollar verzehnfachen. Gut lachen hat der irische Billigflieger Ryanair. Dessen Management hatte das Kerosin lange zu Marktpreisen eingekauft und 2008 deshalb kräftige Gewinneinbrüche verbucht. Seit dem Herbst kann die Airline allerdings wieder billig Kerosin einkaufen - und tut dies auch gleich für 2009. Im Fusionspoker könnte sich Ryanair-Chef Michael O'Leary allerdings verrechnet haben. Bei seinem zweiten Versuch, den einheimischen Konkurrenten Aer Lingus zu übernehmen, beißt er erneut auf Granit. Die ehemalige Staatslinie, die zuletzt rote Zahlen schrieb, würde sich lieber zu Air France-KLM retten. Das Fusionspoker ginge dann erneut zugunsten eines der Großen aus. Mit mehr Flugzeugen am Himmel müssen die Menschen derzeit nicht rechnen. Die IATA erwartet für 2009 drei Prozent weniger Fluggäste als ein Jahr zuvor - der erste Rückgang seit den Terroranschlägen von 2001. Für die Luftfracht sagte der Verband sogar ein Minus von fünf Prozent voraus. Und die neuen Flieger, die die Gesellschaften vor allem bei dem Airbus-Konzern EADS und bei Boeing bestellt haben, dürften in nächster Zeit vor allem als Ersatz für alte Spritfresser statt zur Vergrößerung der Flotten verwendet werden. Analyst Benjamin Fidler von der Deutschen Bank sieht allerdings die Gefahr, dass viele Airlines die neuen Jets nicht bezahlen können. „Die jetzige Krise stufen wir als schwerwiegender ein sowohl gegenüber der Vogelgrippe als auch gegenüber den Anschlägen 2001“, sagt auch Ralf Teckentrup, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Fluggesellschaften. Sie könnte auch die Flugzeugbauer in die Tiefe reißen. Nach aktuellem Stand wird die Arbeit in deren Werkshallen allerdings nicht knapp. Bei Boeing und Airbus gingen 2008 fast doppelt so viele Bestellungen ein, wie die beiden weltgrößten Flugzeugbauer in der gleichen Zeit abarbeiten konnten. Die Auftragsbücher werden immer dicker, und die Finanzierung der Flieger soll für einen Großteil des neuen Jahres gesichert sein. (dpa)

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