Paris. Das Pariser Handelsgericht hat am Montag für 65 Millionen Euro dem Bewerber Eurotunnel (Betreiber des Eisenbahn-Kanaltunnels zwischen England und Frankreich) den Zuschlag für die Übernahme der drei Kanalfähren gegeben, die vormals von der kürzlich liquidierten SNCF-Tochter Sea France betrieben wurden. Hinzu kommen weitere Aktiva wie deren frühere Kundenkartei und das Reservierungssystem. Damit gingen die Mitbewerber Louis Dreyfus/DFDS und die schwedische Stena Line leer aus. Die Angebote beider sahen keine Wiederaufnahme des Fährbetriebs zwischen Calais und Dover vor.
Das Gericht hat mit der Entscheidung die Lösung favorisiert, für die sich eine von ehemaligen Sea France-Mitarbeitern gegründete Mitarbeiter-Genossenschaft stark gemacht hatte. Der Aufforderung, einen Teil der im Zuge der Liquidierung vom Staat erhaltenen Abfindungen in diese einzubringen, sind inzwischen mehr als 500 Ehemalige nachgekommen.
Der Weg für die jetzt gefundene Lösung war freigeworden, nachdem der Verwaltungsrat der Staatsbahn SNCF nach Presseberichten kurz zuvor beschlossen hatte, nicht mehr auf der Rückzahlung von 180 Millionen Euro zu bestehen, die Sea France der vormaligen Mutter noch schuldete. Eurotunnel wird nunmehr die übernommenen Aktiva an die Mitarbeiterkooperative vermieten, womit diese den Fährbetrieb wieder aufnehmen kann. Wann dies in vollem Umfang der Fall sein wird, ist noch nicht absehbar, weil die drei Schiffe dafür nach der mehrmonatigen Betriebspause erst noch entsprechend fit gemacht werden müssen. Für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag, ist jedoch zur Feier des Fortbestands der Fährverbindung eine festliche Kanalüberquerung vorgesehen.
Beobachter führen die jetzige Einigung auch auf den positiven Einfluss des neuen sozialistischen Transportministers Frédéric Cuvillier zurück. Er war letzte Woche in Calais mit Vertretern der Genossenschaftsidee und auch des Ärmelkanaltunnelbetreibers zusammengetroffen. Nach dem nunmehr getroffenen Gerichtsurteil gab er seiner „Befriedigung über diese wirtschaftlich solide Lösung” Ausdruck, „die Arbeitsplätze dauerhaft sichere und zugleich die Gläubigerrechte” respektiere.
Die Konkurrenz schläft nicht
Nicht sicher scheint indes, ob der ministerielle Optimismus auf Dauer begründet ist. Während der Einstellung des Sea France-Betriebs ist nämlich die Konkurrenz im Kanalverkehr in die Bresche gesprungen und hat zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Das französisch-dänische Reedereigespann Louis Dreyfus/DFDS richtete neben seiner mit drei Schiffen zwischen Dunkerque und Dover betriebenen Linie eine weitere ein, die mit zwei Fähren exakt wie vormals Sea France zwischen Calais und Dover verkehrt. Die Gunst der Stunde genutzt hat ebenso die britische P&O Ferries. Sie baute ihren bislang mit sechs Schiffen besorgten Service durch eine zusätzliche und besonders viel Stellplatz bietende Fähre aus, die auf den Namen „Spirit of France” getauft wurde. (jb)