Autobranche auf Schleuderkurs – Renault und PSA sehen Marktkrise

08.07.2008 16:23 Uhr

Renault-Nissan-Chef Ghosn prophezeit eine große Marktkrise in Automobilbranche. Neue Firmenfusionen sind demnach denkbar.

Paris. Der Berufsoptimist Carlos Ghosn malt die Zukunft in düsteren Farben. Die Krise in Amerika sei viel schlimmer als befürchtet, sagt der Chef des weltweiten Konzernverbunds von Renault und Nissan. Statt der erwarteten 15,2 Millionen Neuwagen würden in den USA in diesem Jahr eher 14 Millionen verkauft. Und in Europa stehen die Zeichen auf dem Automarkt auf Sturm. „Ich erwarte einen schwierigen Herbst.“ Auch PSA Peugeot Citroën prognostiziert, dass der europäische Markt in diesem Jahr um vier Prozent schrumpft. Schwierige Zeiten für die Autobranche. „Ein Wachstumszyklus von zehn Jahren endet“, sagt der Pariser Ökonom Jean-Hervé Lorenzi. „Außerdem stoßen wir an die Grenzen unseres Entwicklungsmodells.“ Sprich: Die Epoche des Autos mit Verbrennungsmotor läuft ab. Der Treibstoff wird zu teuer und der Umweltschutz zwingt zur Abkehr von Otto- und Dieselmotor. Zum hohen Investitionsbedarf kommt der Kostendruck durch den starken Euro und die Rohstoffkrise. Beispiel Renault: Der Konzern muss heute eine Milliarde Euro mehr für den Stahl zahlen als noch vor drei Jahren. Das frisst die Hälfte des Gewinns auf. Gleichzeitig macht der starke Euro Effizienzgewinne zunichte. 2009 dürfte die Stahlrechnung noch eine Milliarde höher sein. Als Ergebnis sieht Ghosn die Erträge schrumpfen. Weil er die Lage dramatisch sieht, hat der Renault-Chef sich sogar direkt an den Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, gewandt. Als Nissan-Chef kann Ghosn dagegen jubeln: Der Renault-Partner fertigte im Mai in Japan 40 Prozent mehr Autos als ein Jahr zuvor und verdoppelte dabei seine Exporte. Japan ist dank des schwachen Yen mittlerweile ein Billigstandort. Wie die Deutschen waren die Franzosen von der Branchenkrise bisher weitgehend verschont geblieben. Während der Markt im ersten Halbjahr in Spanien um 19 Prozent und in Italien um 11 Prozent einbrach, ging es in Deutschland um 3,9 und in Frankreich um 4,6 Prozent aufwärts. Aber die deutschen Zahlen täuschen, weil das Vorjahr nach der Mehrwertsteuererhöhung so mies war. Und in Frankreich wurde der Markt vom Bonus Malus-System zur Förderung schadstoffarmer Autos gedopt. Der Pkw-Absatz wuchs in Frankreich zwar um 4,5 Prozent auf 1,13 Millionen Neuwagen. Doch dabei gab es eine dramatische Verschiebung von den großen Benzinfressern zu kleineren abgasärmeren Wagen. Das half Renault, PSA und FIAT und traf die Hersteller der Geländewagen und Luxuskarossen. So brach der Mercedes-Absatz um 14,8 Prozent ein, während Renaults Billigmarke Dacia um 43 Prozent zulegen konnte. Audi verlor 5,2 Prozent, aber Citroën gewann 7,6 Prozent. Nur BMW konnte im oberen Segment sogar mit plus 12,7 Prozent davonspurten, wobei der Trend aber zu den kleineren Modellen ging. Jetzt, meint Ghosn, lässt das Bonus-Doping für die Kleinwagen nach. PSA erwartet zwar weltweit 2008 noch fünf Prozent Mehrabsatz, baut aber bereits bei Paris Stellen ab. Und FIAT hat Kurzarbeit für vier Werke angekündigt. Gleichzeitig wird Produktion verlagert. Citroën fertigt den Nachfolger des in der Bretagne gebauten Xsara Picasso in der Slowakei. Nissan will den „Micra“-Nachfolger für den europäischen Markt nicht mehr in Frankreich, sondern in Indien montieren. Und Renault stützt sich immer mehr auf Dacia und Rumänien. Die Strukturkrise wird nach Ghosns Einschätzung auch eine neue Fusionswelle auslösen. „Es wird etwas geschehen“, sagt er. Marktbeobachter glauben, der Weltenbummler liebäugele wieder mit einem interkontinentalen Dreibund von Renault und Nissan mit General Motors (GM) oder Chrysler. Der angeschlagene Weltmarktführer GM, einst der schwerste Börsenwert der Welt, ist trotz seiner 181 Milliarden Dollar Umsatz nur noch 5,8 Milliarden Dollar (weniger als vier Mrd Euro) wert. Ein «kleiner» Brocken, aber nicht unbedingt ein „erreichbares Schnäppchen“. GM möchte lieber die Autogewerkschaft UAW als einen euro-asiatischen Konzern als Großaktionär haben.

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