Gerhard Grünig: Wir müssen heute diskutieren, was morgen auf uns zurollt
Gerhard Grünig, Chefredakteur des Fachmagazins VerkehrsRundschau rückt im Interview die Megatrends der Branche in den Blick. Dabei nimmt er nicht nur die Unternehmen in die Pflicht, sondern auch die Politik. Sein Credo: „Wir müssen heute diskutieren, was morgen auf uns zurollt. Lasst uns sprechen!“
Herr Grünig, welches Thema wird die Logistikbranche in den kommenden Jahren am stärksten verändern?
Wenn ich mich auf ein einzelnes Thema festlegen müsste – was schwierig ist - würde ich sagen: die Digitalisierung. Doch alleine der Begriff, den wir seit vielen Jahren als Schlachtruf nutzen, greift heute eigentlich viel zu kurz. Früher meinte man damit, Papier durch Daten zu ersetzen. Rückblickend muss man schon fast sagen: Das war noch die gute alte, vergleichsweise einfache Zeit. Heute geht es längst nicht mehr nur um einzelne Softwarelösungen, sondern um die Frage, wie Unternehmen künftig arbeiten, Entscheidungen treffen, Prozesse steuern. Gleichzeitig sehen wir, dass Digitalisierung mittlerweile eng mit anderen Themen verbunden ist, etwa mit Nachhaltigkeit, Automatisierung oder Künstlicher Intelligenz. Und jetzt hat sich auch nochmal das Dauerthema Cyber Security mit Wucht ganz oben auf diese Liste geschoben. Wer hier als Unternehmen den Anschluss verliert, riskiert langfristig Wettbewerbsnachteile.
Damit ist das Stichwort KI gefallen. Wie realistisch ist der Nutzen für Logistikunternehmen denn eigentlich?
Ich halte die Diskussion inzwischen für deutlich realistischer als noch vor zwei oder drei Jahren. Die spannende Frage lautet nicht mehr, ob KI einen Nutzen haben wird, sondern wo sie im Unternehmensalltag tatsächlich Mehrwert schaffen kann. Viele Unternehmen suchen derzeit nach Orientierung: Welche Anwendungen funktionieren bereits? Wo lassen sich Prozesse vereinfachen? Und wo werden Erwartungen möglicherweise zu hoch angesetzt? Wir berichten aber auch im Fachmagazin kontinuierlich über gelungene Beispiele direkt aus der Praxis. Genau darüber muss die Branche jetzt diskutieren. Wir haben jetzt noch ein kleines Zeitfenster, in dem alle Unternehmen am Anfang stehen und lernen. Doch das wird nicht ewig so bleiben.
"Die Herausforderungen der Branche werden nicht kleiner. Umso wichtiger ist es, Akteure zusammenzubringen, Diskussionen anzustoßen und den Blick auf die Themen zu richten, die die Logistik langfristig prägen werden."
Gerhard Grünig, Chefredakteur des Fachmagazins VerkehrsRundschau
Um noch ein weiteres Dauerthema aufzugreifen: Wo stehen die Unternehmen heute, wenn es um Dekarbonisierung geht?
Die meisten Unternehmen wissen, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen müssen. Dabei ist es unterm Strich egal, ob der Wunsch nach Nachhaltigkeit oder immer weiter steigende Energiekosten die Motivation dafür sind. So oder so: Der Wandel wird kaum aufzuhalten sein. Gleichzeitig erleben wir in Gesprächen viel Unsicherheit, ausgelöst auch durch fehlende Planungssicherheit. Wichtige Fragen sind noch offen: Welche Antriebstechnologien setzen sich durch? Wie entwickelt sich die Infrastruktur und der regulatorischer Rahmen? Welche Investitionen sind wirtschaftlich sinnvoll? Die Richtung, in die das alles geht, ist klar. Aber der Weg dorthin wird viele Unternehmen noch länger beschäftigen.
Sie sprechen die fehlende Planungssicherheit an. Welche politischen Rahmenbedingungen beschäftigen die Branche derzeit besonders?
Der Wunsch nach Planungssicherheit begegnet uns seit Jahren – ebenso wie der große Frust über fehlende Klarheit. Unternehmen investieren langfristig und müssen Entscheidungen oft über viele Jahre hinweg treffen. Hier geht es nicht nur um viel Geld und Arbeitsplätze. Um das noch einmal ganz deutlich zu sagen. Wir sprechen hier nicht über irgendeine Branche. Transport und Logistik sind in unserem Land das Rückgrat der Wirtschaft. Deshalb strahlen politische Rahmenbedingungen, Infrastrukturprojekte und regulatorische Vorgaben aus, weit über die Logistikbranche hinaus. Die Herausforderung besteht darin, dass viele Unternehmen gleichzeitig mit wirtschaftlichem Druck, neuen Anforderungen und begrenzten Ressourcen – Stichwort Fahrermangel - umgehen müssen. Das setzt das ganze System enorm unter Stress.
Sie plädieren für mehr Austausch, gerade jetzt. Warum?
Weil viele Unternehmen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Niemand muss jede Lösung selbst entwickeln. Der Austausch von Erfahrungen, Erfolgen und auch Fehlschlägen kann helfen, schneller voranzukommen. Deshalb brauchen wir Orte, an denen miteinander gesprochen wird. Die Herausforderungen der Branche werden nicht kleiner. Umso wichtiger ist es, Akteure zusammenzubringen, Diskussionen anzustoßen und den Blick auf die Themen zu richten, die die Logistik langfristig prägen werden.
Jetzt ins Netzwerk.Zukunft.Logistik einsteigen
Digitalisierung, KI, Dekarbonisierung, Infrastruktur oder Cyber Security: Im Netzwerk.Zukunft.Logistik diskutieren Entscheider und Experten die Themen, die die Branche in den kommenden Jahren prägen werden. Willkommen sind alle, die diese Diskussion aktiv mitgestalten möchten.
Ansprechpartner sind Gerhard Grünig unter gerhard.gruenig@tecvia.com und Andrea Volz unter andrea.volz@tecvia.com.