Wiesbaden. Auf den hessischen Straßen stecken Autofahrer immer häufiger im Stau, doch sie müssen nicht mehr so lange auf die Weiterfahrt warten. Diese Zwischenbilanz zu dem seit 2004 laufenden Programm „Staufreies Hessen“ zog heute Verkehrsminister Alois Rhiel (CDU). „Die vorliegenden Zahlen belegen, dass die Dauer von Staus auf den hessischen Autobahnen binnen vier Jahren um mehr als 70 Prozent reduziert werden konnte“, sagte Rhiel nach Angaben seines Ministeriums in Wiesbaden. Einige Autofahrerverbände wie der ADAC würdigten die Bemühungen der Landesregierung, andere sprachen von „Etikettenschwindel“. Nach Auswertung der Verkehrsmeldungen im Rundfunk staute sich 2004 der Verkehr in Hessen 88.000 Stunden lang, 2007 seien es nur noch 26.000 Stunden gewesen. Die Landesregierung will Hessen mit einer Reihe von Verkehrsleitmaßnahmen bis 2015 staufrei machen. Die Zahl der Staus nahm dagegen weiter zu. Nach einem Durchschnitt von etwa 15.400 Staumeldungen für die Jahre 2001 bis 2003 kam es im Fußball-WM-Jahr 2006 zum Spitzenwert von 20.412 Staus. 2007 wurden 16.284 Staus gemeldet. Überlastung verursache die Hälfte aller Störungen, Baustellen seien für knapp 30 Prozent, Unfälle für 20 Prozent der Staus verantwortlich, sagte Rhiel. Als besonders wirkungsvoll im Kampf gegen Staus beschrieb er die Freigabe von Seitenstreifen und das verbesserte Management von Tagebaustellen. Im Hessischen Rundfunk (hr) verwies der Minister auf die Belastung des 1000 Kilometer langen Autobahnnetzes im Land, die im Rhein-Main- Gebiet doppelt so hoch liege wie der Bundesdurchschnitt. Störungen konzentrierten sich auf bestimmte Strecken wie die A 3 zwischen Seligenstadt und Offenbach oder die A 66 Frankfurt-Wiesbaden. Die Hälfte des Netzes könne man schon als staufrei beschreiben, sagte Rhiel. Angesichts steigender Fahrzeugzahlen brauche Hessen weiter „intelligente und zukunftsweisende Maßnahmen“ zur Verkehrslenkung. Der ADAC bestätigte Verbesserungen der Verkehrssituation in Hessen. Die Landesregierung arbeite „über Lippenbekenntnisse hinaus“ am Stau-Problem und mache dabei „einen guten Job“, sagte der Leiter des Fachbereichs Verkehr beim ADAC Hessen/Thüringen, Jürgen Baer, in Frankfurt. „Was getan werden kann, wird getan.“ Der Speditions- und Logistikverband Hessen/Rheinland-Pfalz teilte mit, es sei „deutlich spürbar“, dass sich die Verkehrslage in Hessen langsam entspanne. Beide Verbände forderten, Verkehrsprojekte wie die Autobahn A 44 zwischen Kassel und Eisenach zügig fertig zu stellen, um andere Strecken zu entlasten. Dagegen kritisierte der Automobilclub von Deutschland (AvD) Rhiels Zwischenbilanz als „Etikettenschwindel“. „Die Frage ist: Was hat er da eigentlich gezählt?“, sagte Alfred Fuhr vom Institut für Verkehrssoziologe des AvD in Frankfurt. Die Verkehrsmeldungen im Rundfunk bildeten die Realität auf den Straßen nicht zuverlässig ab. Zur Lösung der Stauprobleme brauche es ein „gesellschaftliches Verkehrsmanagement“. Dazu gehörten veränderte Arbeitszeiten mit einem Beginn erst am Vormittag und die Möglichkeit zur Arbeit zu Hause, wenn die Fahrt zum Arbeitsplatz wegen eines Stau zu lange dauern würde. Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland VCD in Kassel kritisierte, Rhiels Konzept denke nur an Autos, weniger an die Umwelt. Der VDD forderte eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. „Bei Tempo 100 sinkt die Staugefahr ganz erheblich, weil das Tempo viel gleichmäßiger ist.“ In Ballungsräumen sei eine Geschwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde völlig ausreichend. (dpa)
Rhiel zieht positive Stau-Bilanz
Transportbranche lobt deutlich verbesserte Stau-Situation in Hessen / AvD kritisiert „Etikettenschwindel“ der Landesregierung