Interview: Kampf dem toten Winkel

15.04.2015 11:18 Uhr
Meyer Rolf, Meyer und Meyer
Rolf Meyer, geschäftsführender Gesellschafter des Logistikdienstleisters Meyer & Meyer
© Foto: Meyer und Meyer

Rolf Meyer vom Logistikdienstleister Meyer & Meyer erklärt im Interview, wie 15 Osnabrücker Transportunternehmer Rechtsabbiegeunfälle verhindern wollen.

VerkehrsRundschau: Hatte einer Ihrer Fahrer beim Rechtsabbiegen schon einmal einen Unfall mit einem Fahrradfahrer?

Rolf Meyer: Leider hatten wir schon zwei Fälle.

War das der Auslöser, sich zusammen mit anderen Unternehmern im Kampf gegen Rechtsabbiegeunfälle zu engagieren?

Auch. Hinzu kamen aktuelle Unfälle hier in Osnabrück. Wir hatten 2014 drei Tote durch Rechtsabbiegeunfälle. Ich komme jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an einer der Kreuzungen vorbei – bei einem der Unfälle nur fünf Minuten nach dem Geschehen. Wenn sie selber vier Kinder haben, die mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren, werden sie nachdenklich und wollen etwas tun.

Wäre das Thema Verkehrssicherheit nicht eine Aufgabe für die Verkehrspolitiker?

Ja (lacht). Aber wir leben nach dem Motto: Jeder muss selber schauen, wo er etwas bewegen kann und nicht nur auf den anderen zeigen. Daher suchen wir mit der Stadt, der Polizei und dem Fahrradverband gemeinsam nach Lösungen. Fakt bleibt, die Verkehrsbranche ist die Branche mit den zweitmeisten Toten bei der Ausübung ihres Berufes – etwa 700 im Jahr.

Welche Lösungen gibt es?

Kreuzungsspiegel, eine vernünftige Kennzeichnung der Verkehrswege und entsprechende Ampelschaltungen. In Osnabrück diskutieren wir zudem reine Radfahrstraßen. Viel Verkehr läuft bei uns durch die Stadt, weil ein geschlossener Autobahnring fehlt. Dazu müsste die A 33 weitergebaut werden. Bis dahin hilft es, die Fahrer anzuweisen, nur noch durch die Stadt zu fahren, wenn sie zwingend in die Stadt müssen – auch wenn das Geld kostet. Das war die erste Maßnahme, die wir ergriffen haben.

Was planen die Unternehmer als Nächstes?

Über Öffentlichkeitsarbeit wollen wir auf die Politik und die Stadt einwirken, dass sie weitere Maßnahmen ergreifen. Wir wollen an Schulen und auf öffentlichen Plätzen die Menschen darüber informieren, wie groß und gefährlich der tote Winkel bei einem Lkw ist. Dazu werden wir im Herbst unseren großen Aktionstag Logistik nutzen. Der nächste Schritt wären Überlegungen zu technischen Maßnahmen am Lkw, denn im Dunkeln helfen auch keine Spiegel.

Was sagen Ihnen die Hersteller, wann entsprechende Fahrerassistenzsysteme kommen?

Das ist für mich ein ganz trauriges Kapitel der deutschen Fahrzeugindustrie. Unter ökonomischen Gesichtspunkten haben die zwar die besten Fahrzeuge, aber was das Thema Sicherheit angeht, hinken sie hinterher. Wir testen derzeit bei einem Unternehmen ein System aus England, das mit einem Radarsensor arbeitet, den wir mit einem vorhandenen Kamerasystem kombinieren. Es gibt von MAN und Mercedes zukunftsweisende Entwicklungen, die allerdings noch keine Marktreife erlangt haben.

Für wie realistisch halten Sie Maßnahmen zur Verkehrslenkung und -vermeidung, die führen nicht selten zu Mehrkosten?

Menschen lassen sich nicht gegen Geld aufrechnen. Es muss vermieden werden, dass Fußgänger, Fahrradfahrer und Lkw auf der gleichen Infrastruktur unterwegs sind. In Osnabrück führt beispielsweise die Bundesstraße mitten durch die Stadt. Da können sie Lkw-Durchfahrten nicht verbieten – woanders schon. Zudem lenken viele Telematik- oder Navigationssysteme die Fahrzeuge durch die Stadt. Eine Lösung wären feste Routenvorgaben, so wie beim Lang-Lkw. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Warum keine Zeitfenster vorgeben, wann Lkw wo fahren dürfen?

Das Interview führte VerkehrsRundschau-Redakteur Serge Voigt

Um was es geht: Rechtsabbiegen sicherer machen
In Osnabrück haben sich 15 Speditionen und Transportunternehmen zusammengeschlossen, um den Rechtsabbiegeunfällen von Lkw mit Fahrradfahrern oder Fußgängern den Kampf anzusagen. Als erste Maßnahme haben sie die in der Stadt fehlenden 70 Kreuzungsspiegel gesponsert. Geplant sind Aktionen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Schulung, Verkehrslenkung- und -vermeidung sowie Fahrerassistenzsysteme. (sv)

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