Hafen Lübeck: „Strom aus der Steckdose“

22.08.2008 17:11 Uhr
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Lübeck: Seeschiffe können nun Landstrom zapfen (Bild: Arndt)
© Foto: eha

Ministerpräsident Carstensen setzt sich für Steuerbefreiung von Landstrom für Seeschiffe ein – Großes Interesse am Lübecker Projekt aus dem In- und Ausland

Lübeck. Deutschlands erste, kommerziell betriebene Landstromversorgungs-Einrichtung für Seeschiffe steht jetzt im Lübecker Hafen zur Verfügung. Am Donnerstag wurde die rund 300.000 Euro teure Anlage am Nordlandkai der Lübecker Hafengesellschaft (LHG) in einem kleinen Festakt offiziell in Betrieb genommen. Die Testphase für diese Einrichtung begann bereits im Mai dieses Jahres. Bauherr und Lieferant des Stromes sind die die Lübecker Stadtwerke. Die Fähre „Transpaper“ der zum finnisch-schwedischen Stora Enso-Konzern gehörenden Reederei TransLumi/Trans Atlantic schaltete beim Auslösen des symbolischen roten Knopfes von Eigen– auf Landversorgung um. Während eines Anlaufes verbraucht eine solche Fähre den Strom von rund 1000 Haushalten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen unterstrich in seinem Grußwort die Pionierrolle des größten deutschen Ostseehafens auf dem Weg hin zu einer wirksamen Verringerung von Schiffsemissionen, seien es die Abgase oder die Geräusche der Schiffsmotoren. Wörtlich sagte Carstensen: „Lübeck ist der Vorreiter, aber die Nachhut muss folgen.“ Auf den jetzt gesetzten Schritt müssten noch viele weitere folgen. Carstensen nannte in diesem Zusammenhang auch eine anzustrebende Steuerbefreiung für den für die Schiffsversorgung bereitgestellten Strom. Carstensen betonte, dass Häfen, die sich für die umweltfreundliche Landstromversorgung entschlössen gegenüber ihren Mitbewerbern, die auf diese Technologie verzichten wollen, im Wettbewerb nicht schlechter gestellt werden dürften. Auch sei es vonnöten, dass die Reeder Initiativen wie die aktuelle in Lübeck aktiv unterstützten. Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe sprach von einem „historischen Tag“ für Deutschlands führenden Ostseehafen im Besonderen und die Schifffahrt im Allgemeinen. Mit seiner Initiative habe Lübeck internationales Interesse, vor allem in anderen Häfen, erregt. Selbst in Los Angeles lägen Anfragen vor. Über welches Belastungspotenzial es nur im Lübecker Hafen gehe, stellte Saxe an diesen Zahlen dar: „Wir kommen wöchentlich auf 150 Schiffsabfahrten in Lübeck. Die Schiffe bringen es pro Woche zusammen auf bis zu 500 Stunden Liegezeit.“ Im Zeitalter hoher und weiter steigender Schiffstreibstoffkosten rechnet sich eine Umstellung auf Landstrombetrieb für einen Reeder nach Überzeugung von Saxe schon heute. So lägen ihm Beispielrechnungen vor, die pro Schiff eine jährliche Einsparung von rund 100.000 Euro auswiesen, wenn der Strom von Land bezogen und nicht selbst erzeugt werde. Für die LHG stellte Nordlandkai-Terminalleiter Ortwin Harms in Aussicht, dass man in seinem Unternehmen derzeit an einem Landstromkonzept auch für die anderen Terminals arbeitet. Wichtig sei, dass man die Landstromversorgung im direkten Einvernehmen mit den Hafenkunden entwickeln müsse. Harms: „Aufgrund der sehr komplexen technischen Anforderung und der sehr unterschiedlichen Ausstattung der eingesetzten Schiffstonnage kann unseres Erachtens eine Landstromversorgung in den Häfen nicht erzwungen werden.“ Claus Möller, Aufsichtsratsvorsitzender der Lübecker Stadtwerke, wies auf den langen Atem seines Unternehmens bei der Realisierung der Landstromversorgung hin. Es steckte rund zehn Jahre Entwicklungsarbeit in das Projekt, wobei der Energieversorger dabei von verschiedenen Partnern unterstützt wurde. Herausragend hier sei der Siemens-Konzern mit seinen wichtigen Techniklösungen. Dieser entwickelte das Herzstück der Landstromversorgungs-Einrichtung in Form des so genannten „Siplink-Systems“. Diese Technologie wird beispielsweise bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) genutzt. Für den Auftakt-Kunden Stora Enso haben die Lübecker Stadtwerke nach Darstellung ein umfassendes Gesamtpaket geschnürt, berichtete Firmensprecher Lars Hertrampf der VerkehrsRundschau. Dazu gehöre unter anderem, dass die Stadtwerke den Strom lieferten. Hertrampf: „Die Kunden können natürlich auch selbst den Strom beschaffen.“ Darüber hinaus wurde ein Liefervertrag über zehn Jahre abgeschlossen. Das Unternehmen Stora Enso habe großen Wert darauf gelegt, elektrische Energie aus umweltfreundlicher Produktion zu beziehen. Die Lübecker Stadtwerke haben dafür wiederum einen Versorgungsvertrag mit einem norwegischen Lieferanten geschlossen, der den Strom mittels Wasserkraft erzeugt. Die Stromabrechnung erfolgt mittels IT-gestützt „auf die Verbrauchssekunde genau“, so Hertrampf. (eha)

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