-- Anzeige --

Gotthard-Durchstich: Im Megatunnel fällt die letzte Barrikade

Von 2017 an sollen die ersten Züge durch den 57 Kilometer langen Gotthard-Tunnel fahren
© Foto: AlpTransit Gotthard AG

Weltrekord geschafft: Nach 25 Jahren Planung und Bau steht der Durchstich am Gotthard-Basistunnel bevor


Datum:
08.10.2010
NOCH KEINE Kommentare

-- Anzeige --

Genf. Durchstich am längsten Tunnel der Welt: Am 15. Oktober soll der Rekord Wirklichkeit werden, eine Belohnung für rund 25 Jahre Planung und Bau am Gotthard-Basistunnel. Mit dem Fall der letzten anderthalb Meter Gestein wird der Weg frei. Von 2017 an sollen die ersten Züge über 57 Kilometer Schienen durch den Tunnel rollen.

Mehr als 2500 Bergleute haben ein Wunder verbracht, sich im Berg mit bester Technologie gegen immer neue schwer zu bewältigende Gesteinsformationen durchgesetzt. Wo Hannibal sich mit seinen Elefanten noch über die Pässe schleppen musste, stellen die Alpen nun erstmals kein Hindernis mehr dar. Züge werden ebenerdig hindurch rasen.

Es ist nicht das erste Schweizer Tunnelwunder: Seit 1882 gibt es eine Tunnelröhre für die Eisenbahn, seit 1980 einen 17 Kilometer langen Straßentunnel - beides schon Bauwerke von enormer Dimension. Von der 1830 freigegebenen Gotthard-Passstraße ganz zu schweigen. Aber wenn man nun in das Tunnelgewirr des neuen Gotthard-Basistunnels saust, bleibt einem fast das Herz stehen, so überwältigend sind die Ausmaße.

Die Züge sollen die beiden Röhren des längsten Tunnels der Welt mit bis zu 270 Stundenkilometern durchmessen. Geschwindigkeit und höchste Ingenieurskunst sind es, die das Projekt auszeichnen - vergleichbar mit dem Bau des Suez-Kanals, ebenfalls eine Revolution für den Verkehr.

Mit allen Quer- und Verbindungsstollen misst das Tunnelsystem insgesamt 152 Kilometer. Es könnte sogar schon ein Jahr früher, also 2016, in Betrieb genommen werden, so schnell kommen die Arbeiten voran. Aber seit dem ersten Spatenstich haben auch sieben Bergleute ihr Leben verloren.

Insgesamt 13 Millionen Kubikmeter Material abgebaut

Was die Arbeiter bei rund 28 Grad im Tunnel - gekühlt, sonst wären es über 40 - leisten, ist kaum vorstellbar. Etwa 400 Meter lange Tunnelbohrmaschinen mit jeweils rund 60 Meißeln am Bohrkopf, der knapp zehn Meter Durchmesser hat, rücken dem Gestein mit je 25 Tonnen Druck zu Leibe. Netze aus Stahl decken die Wände ab, der Abraum wird auf Förderbändern nach hinten geschleust. Insgesamt werden um die 13 Millionen Kubikmeter Material aus dem Berg gebrochen - das Fünffache des Volumens der gewaltigen Cheops-Pyramide oder ein übervoller Güterzug, der von Zürich bis New York reicht.

Der Durchschlag des Tunnels erfolgt mit hoher Genauigkeit und einer horizontalen und vertikalen Abweichung von lediglich einem Zentimeter. Dort wo das System bereits begehbar ist, bietet sich ein atemberaubender Anblick. Man glaubt, in einem unterirdischen Palast - allerdings völlig ohne Prunk - zu sein. Ein- und Ausgang scheinen in unerreichbarer Ferne, nur gespenstisches Licht beleuchtet die Szenerie der Baumaschinen und die Grubenarbeiter mit ihren Helmen. Der Gedanke an die hunderttausenden Tonnen Gestein über dem Kopf bleibt präsent.

Sind erst einmal die fast 230 Kilometer Schienen verlegt, sollen täglich 300 Personen- und Güterzüge durch den Tunnel brausen. Die Reise von Zürich nach Mailand dauert dann noch zwei Stunden und 40 Minuten - eine Stunde weniger als jetzt. Auch die Güterzüge legen an Tempo zu. Sie werden mit bis zu 160 Stundenkilometern verkehren, doppelt so schnell wie derzeit.

Der Eisenbahn-Tunnel soll den Großteil des Güterverkehrs durch die Schweiz umweltschonend aufnehmen. Auf der Gotthard-Achse fahren täglich zwischen 110 und 130 Güterzüge. Nach der Fertigstellung wird sich der Schienenverkehr auf 200 bis 220 Züge erhöhen, so die Prognose. Dies entspricht einer Transportkapazität von rund 40 Millionen Tonnen pro Jahr. Sie wäre damit etwa doppelt so hoch wie bisher.

Teil des europäischen Schienennetzes

Die Schweizer haben mehrmals dafür gestimmt, dass die Güter auf der Schiene und nicht auf der Straße durch die Alpen transportiert werden. Sie haben damit auch für Europa gestimmt, obwohl sie gar nicht Mitglied der EU sind. Ihre Tunnel sind Teil des europäischen Netzwerkes für den Güterverkehr. Das lassen sich die Eidgenossen insgesamt mehr als 15 Milliarden Euro kosten - gut angelegtes Geld wohl, denn die EU-Kommission erwartet für den gesamten Alpenraum einen weiteren Anstieg des Güterverkehrs um rund 75 Prozent.

Die von der Schweiz geplante neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) besteht aus mehreren Tunneln. Neben dem Gotthard-Basistunnel wird auch der Ceneri-Tunnel im Tessin gebaut, der 2019 fertig sein soll. Die Auslastung des bereits bestehenden Lötschberg-Basistunnels liegt im Durchschnitt bei fast 80 Prozent.

Und nun also der Durchstich. Der erste Durchschlag soll in der östlichen der beiden Röhren gefeiert werden, die rund 40 Meter auseinanderliegen und alle 312,5 Meter mit Querstollen verbunden sind. Die Durchschlagsstelle befindet sich 27 Kilometer vom Nordportal in Erstfeld im Kanton Uri und 30 Kilometer vom Südportal in Bodio im Kanton Tessin. Sie liegt 2500 Meter unter dem Gipfel des Piz Vatgira, der 2983 Meter hoch ist und oberhalb der Lukmanierpassstraße liegt.

Allerdings: Ein kleines Loch gibt es bereits und es zog auch schon frische Luft durch den Berg. Sechs Zentimeter ist die Öffnung groß, die Bergleute aus Sedrun in Graubünden zu ihren Kumpeln aus Faido im Tessin bohrten. Sein Zweck: Das Kabel für die Liveübertragung der Durchschlags-Feier am 15. Oktober soll hindurch gesteckt werden. (dpa) 

-- Anzeige --
-- Anzeige --
-- Anzeige --
-- Anzeige --

KOMMENTARE


SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!

-- Anzeige --

WEITERLESEN




NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


Die VerkehrsRundschau ist eine unabhängige und kompetente Abo-Fachzeitschrift für Spedition, Transport und Logistik und ein tagesaktuelles Online-Portal. VerkehrsRunschau.de bietet aktuelle Nachrichten, Hintergrundberichte, Analysen und informiert unter anderem zu Themen rund um Nutzfahrzeuge, Transport, Lager, Umschlag, Lkw-Maut, Fahrverbote, Fuhrparkmanagement, KEP sowie Ausbildung und Karriere, Recht und Geld, Test und Technik. Informative Dossiers bietet die VerkehrsRundschau auch zu Produkten und Dienstleistungen wie schwere Lkw, Trailer, Gabelstapler, Lagertechnik oder Versicherungen. Die Leser der VerkehrsRundschau sind Inhaber, Geschäftsführer, leitende Angestellte bei Logistikdienstleistern aus Transport, Spedition und Lagerei, Transportlogistik-Entscheider aus der verladenden Wirtschaft und Industrie.