Ökonom warnt vor wirtschaftspolitischem Holzweg

22.05.2009 10:01 Uhr
Evolutionsökonomen Guido Bünstorf
Evolutionsökonom Guido Bünstorf
© Foto: Max-Planck-Institut für Ökonomik

Evolutionsökonom Guido Bünstorf sieht Gefahr einer „billigen Staatsgläubigkeit" / Schutzschirme seien gefährlich / internationale Regeln notwendig

Jena. Mit der Abwrackprämie und Hilfen für angeschlagene Unternehmen wie Opel befindet sich Deutschland nach Ansicht des Evolutionsökonomen Guido Bünstorf wirtschaftspolitisch auf dem Holzweg. Angesichts der Wirtschaftskrise beobachte er derzeit die Gefahr einer „billigen Staatsgläubigkeit“, sagte der Forscher des Jenaer Max-Planck-Instituts für Ökonomik der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Wir sollten versuchen, möglichst wenig direkt in den Markt einzugreifen und stattdessen dem Markt Regeln vorgeben.“ Anstatt Gebrauchtwagen aufzukaufen sollte der Staat vielmehr die Bedingungen für Unternehmensgründungen erleichtern und in Bildung investieren. „Die Abwrackprämie bringt den Marktprozess durcheinander“, erklärte der Ökonom. „Und schon heute ist absehbar, dass die Autoindustrie in Zukunft ganz massive Absatzschwierigkeiten haben wird.“ Untersuchungen zeigten, dass es in der Branche seit Jahrzehnten eine Verschiebung gebe. Während in Westeuropa und Nordamerika ein schleichender Marktaustritt beobachtet werde, strömten in anderen Ländern neue Anbieter auf den Markt. „Da liegt es nahe, dass in unseren Ländern nicht alle Anbieter überleben werden.“ Daher sollte es laut Bünstorf nicht so sehr um die Rettung von Unternehmen in Branchen gehen, die am Ende ihres Lebenszyklus' stehen. Vielmehr müssten Bedingungen geschaffen werden, um die Abhängigkeit von der Autobranche zu verringern. „Der Staat sollte sehr viel mehr seine ordnungspolitischen Hausaufgaben machen, bevor er kurzfristig in die Marktprozesse eingreift.“ Klare Regeln auf internationaler Ebene nötig Die Krise zeige deutlich, dass Märkte nur unter bestimmten Bedingungen funktionieren. Die Probleme auf den Finanzmärkten hätten gezeigt, dass klare Regeln auf internationaler Ebene nötig seien - und dass diese immer wieder angepasst werden müssen. „Denn die Marktteilnehmer sind kreativ und werden immer neue Instrumente entwickeln, um die Regulierung zu umgehen.“ Allerdings warnte der Ökonom die Politik davor, dynamische Marktprozesse einzuschränken. Ein negatives Beispiel sei der Einheitsbeitrag für die gesetzliche Krankenversicherung. „Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass eine Krankenkasse nicht mehr über den Beitragssatz Wettbewerb machen kann“, kritisierte Bünstorf. „Mit was sollen die denn dann konkurrieren? Mit Yoga-Kursen?“ Schutzschirme sind gefährlich Die Schutzschirme der Regierung nannte Bünstorf gefährlich. „Denn wenn ich weiß, da ist ein Rettungsschwimmer da, schwimme ich weiter raus. Das macht mir Sorge.“ Zwar könne es im Einzelfall Gründe für eine staatliche Eingriffe geben. „Aber die Bereitschaft, Ausnahmen zu machen, ist im Moment zu groß.“ An diesem Donnerstag hat in Jena die europäische Tagung der Evolutionsökonomen begonnen. Laut Organisator Bünstorf werden zu der dreitägigen Konferenz etwa 200 Experten erwartet. Sie analysieren langfristige wirtschaftliche Entwicklungen und versuchen daraus Regelmäßigkeiten und Szenarien für die Zukunft abzuleiten. (dpa)

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