Oldenburg. Die Weltwirtschaftskrise lässt auch in den niedersächsischen Seehäfen Brake, Cuxhaven, Emden, Leer, Nordenham, Stade und Wilhelmshaven die Umschlagtonnen purzeln. Mit rund 26,7 Millionen Tonnen liegt das Halbjahresergebnis um gut 17 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Lediglich der kleine Binnenhafen Oldenburg konnte sich verbessern. Die aktuelle Entwicklung ist für Andreas Bullwionkel, Geschäftsführer der Marketing-Organisation Seaports of Niedersachsen in Oldenburg, nicht überraschen. „Das hatten wir so erwartet“, erklärte heute Bullwinkel. Die niedersächsische Hafenwirtschaft sei auf diese Rückgänge „vorbereitet“ gewesen. Ein großer, in der Vergangenheit bestens ausgespielter Vorteil der niedersächsischen Häfen, nämlich die Konzentration auf bestimmte Güterarten und Märkte, scheint sich jetzt bei einigen Häfen in einen Nachteil zu verkehren. Beispiel eins: Cuxhaven. Der Elbmündungshafen leidet in besonderem Maße unter den – anhaltenden – Schwächen einer seiner wichtigsten Märkte, Großbritannien. Vor allem Neuwagen-Verkehre, die über Cuxhaven schwerpunktmäßig zur britischen Insel verladen werden, sackten regelrecht weg: um knapp 70 Prozent auf rund 42.550 Fahrzeuge. Größere Neufahrzeugmengen, die aus Spanien herangeführt wurden, konnten den Verlust nicht ausgleichen. Cuxhaven verlor im ersten Halbjahr gut 38 Prozent seiner Ladung und rutschte auf 647.699 Tonnen ab. Beispiel zwei: Auch den Unterweserhafen Brake traf die volle Wucht der Weltwirtschaftskrise. Im ersten Halbjahr gingen rund 2,1 Millionen Tonnen über die Kaikanten – ein Rückgang um gut 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Unterweser-Hafen ist es vor allem die anhaltende, bereits im Jahr 2006 eingesetzte Schwäche des für Brake wichtigen nordamerikanischen Marktes, allen voran an der USA, die Mengen kostet. Forstprodukten, die für Brake eine zentrale Rolle spielen, fielen im aktuellen Berichtszeitraum um knapp 48 Prozent weniger an als im Vorjahr. Heißt für den Endstand im ersten Halbjahr: 435.906 Tonnen. Die Hafen-Unternehmensgruppe Müller, marktbeherrschend in Brake, hatte in den zurückliegenden Jahren erhebliche Mittel in den Ausbau von Logistikhallen zur Einlagerung von Forstprodukten investiert. Auch bei Getreide und Futtermitteln, einem anderen wichtigen Standbein für Brake, gingen Mengen verloren: minus 37 Prozent auf rund eine Million Tonnen. Dabei haben sich gerade diese beiden Güterarten in anderen Wettbewerbshäfen – zum Beispiel in Rostock oder auch in Hamburg – auch im ersten Halbjahr positiv entwickelt. In Emden hinterließ die Absatzkrise in der Automobilbranche im Wortsinne Bremsspuren in der Umschlagbilanz. Emden, als wichtige Drehscheibe für den VW-Konzern fungierend, verlor gut ein Drittel des Fahrzeugumschlags, auf noch rund 348.000 Neufahrzeuge. Auch bei Zellstoff und Papier schmolzen die Tonnen weg: um gut 34 Prozent auf 252.446 Tonnen. Wilhelmshaven, Deutschlands zentraler Öl-Importhafen, verlor im ersten Halbjahr unterm Strich gut elf Prozent auf gut 18 Millionen Tonnen. Erdöl, das mit Abstand wichtigste Ladungsgut für den Jade-Hafen, wurde im ersten Halbjahr um gut sieben Prozent (auf 13,2 Millionen Tonmnen) weniger gelöscht. Der Kohleumschlag war aufgrund einer mehrwöchigen Wartung an einer wichtigen Umschlagbrücke um gut 14 Prozent rückläufig. In Nordenham an der Unterweser fällt der Umschlagrückgang mit einem Minus von gut elf Prozent noch vergleichsweise moderat aus. Der um 15 Prozent auf knapp eine Million Tonnen gestiegene Kohleumschlag sorgte für ein gewisses Trostpflaster. Meldungen über positive Umschlagtendenzen gibt es in dem Konzert der Negativberichte allerdings auch für die Hafenwirtschaft in Niedersachsen. So freut sich die Marketing-Organisation über das weiter blühende Geschäft mit Windkraftanlagen, die in den kommenden Jahren zunehmend im Rahmen von großen Offshore-Parks auf hoher See errichtet werden. Emden konnte in diesem Segment mit einem Plus von 14 Prozent auf 110.445 Tonnen zulegen. Cuxhaven verspricht sich in diesem Segment vor allem dank der Inbetriebnahme der neuen Schwerlastplattform künftig wichtige Impulse. Die Verladung von Windkraftanlagen – zumal für die großen Offshore-Windparks – bietet zudem eine sehr hohe Wertschöpfung entlang der Logistikkette. Auch darüber freut sich Seaports of Niedersachsen: Der im Binnenland gelegene Hafen Oldenburg verdoppelte im Berichtszeitraum seine Umschlagmenge auf gut 53.400 Tonnen. (eha)
Niedersächsische Seehäfen: Bremsspuren in der Umschlagbilanz
Die Spezialisierungspolitik der vergangenen Jahre konnte den Mengenverlust nicht verhindern – Windkraftanlagen als Hoffnungsträger