Maritime Wirtschaft vor schwerer Krise

24.11.2008 11:29 Uhr
Schiff im Hamburger Hafen
Hafen Hamburg (Foto: Archiv)
© Foto: Arndt

Die maritime Wirtschaft steht nach Jahren der Blüte vor einer schweren Krise. Überlastung der Hafeninfrastrukturen entschärft sich

Hamburg. Die maritime Wirtschaft steht nach Jahren der Blüte vor einer schweren Krise. Reeder und Häfen, Schiffbauer und Banken, Versicherungen und die Hersteller von Hafenanlagen – der gesamte Wirtschaftssektor bereitet sich auf einen zyklischen Abschwung vor, der durch die Finanzkrise deutlich verschärft wird. "Die Situation ist ungewöhnlich; das haben wir so noch nicht erlebt“, sagt Max Johns vom Verband Deutscher Reeder (VDR). Als erste bekommen die Reeder zu spüren, dass sich der Wind der Weltkonjunktur gedreht hat. Die Fracht- und Charterraten sind stark gefallen, sowohl für Containerschiffe als auch besonders drastisch um bis zu 70 Prozent für Massengutfrachter, die Erz, Getreide und andere Rohstoffe rund um den Globus transportieren. Jetzt beginnen die ersten Reedereien, ihre Fahrpläne umzustellen und manche Routen seltener zu bedienen. Damit soll der Schiffsraum verknappt werden; dies soll die Frachtraten stabilisieren. Denn die Zeiten des zweistelligen Wachstums sind vorläufig vorbei. Die Reeder versuchen, ihre eigene Situation nicht zu dramatisieren. „Wir haben nichts falsch gemacht“, sagt Verbandssprecher Johns. „Und wir haben keine Anzeichen, dass der Welthandel und der Containertransport zurückgehen könnten.“ Vielmehr handele es sich um eine zeitweise Abflachung der Wachstumskurve. Die Reeder hoffen nun, dass eine Abwrackwelle einsetzt, um überalterte Tonnage aus dem Markt zu nehmen und das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage annähernd zu erhalten. In den Zeiten hoher Frachtraten wurde kaum Tonnage stillgelegt. Die nächsten, bei denen sich die Bremsspuren bemerkbar machen, sind die Häfen. Der Hamburger Hafen, der größte in Deutschland, könnte wie im Vorjahr knapp unter der Marke von zehn Millionen umgeschlagenen Standardcontainern (TEU) bleiben und fällt im Konkurrenzkampf der großen Häfen in Nordwest-Europa zurück. Der Chef des größten Hafenbetriebs HHLA, Klaus-Dieter Peters, ist damit noch nicht einmal besonders unglücklich. „Wir konnten das Wachstum nur unter größten Schwierigkeiten bewältigen“, sagt er. Durch das geringere Wachstum werde etwas Druck von den überlasteten Terminals genommen. Die deutschen Werften sorgen sich derweil weniger um den Welthandel, als vielmehr um kurzfristige Finanzierungen. Die Auftragsbücher der Schiffbauer sind noch auf Jahre gefüllt, aber es mangelt an Liquidität. Die Kieler Lindenau-Werft musste erst in die Insolvenz, ehe dann die HSH Nordbank mit einem Kredit einsprang. Bei Werften fallen typischerweise Kosten und Erlöse nicht immer zur gleichen Zeit an; deshalb sind Zwischenfinanzierungen üblich. „Der Bedarf ist sehr hoch und im Moment gibt es Finanzierungsprobleme“, sagt Ralf Sören Marquardt vom Verband Schiffbau und Meerestechnik (VSM) in Hamburg. Die Werften wollen sich nun um Landes- und Bundesbürgschaften bemühen, um die Aufträge abarbeiten zu können. Neue Aufträge werden kaum noch kommen. Die Banken haben nur noch wenig Geld, das sie verleihen können und deshalb sind die Taschen zu. Schiffsfinanzierung gilt zwar gemeinhin als ein sicheres und ertragreiches Geschäft, aber neue Projekte werden gegenwärtig trotzdem kaum aufgelegt. Schiffe werden finanziert, indem Anleger ihr Geld in einem Fonds zusammenlegen und einen Teil der Baukosten über einen Kredit finanzieren. Doch das funktioniert im Moment nicht. „Der Schiffskreditmarkt ist praktisch ausgetrocknet“, sagt der Hamburger Experte für Schiffsfinanzierungen, Jürgen Dobert. Dazu kommt, dass die Kapitalanleger, die bislang für einen steten Kapitalstrom in den Schiffsmarkt sorgten, gegenwärtig wegbleiben. „Der Mix aus Bankenkrise und versiegendem Eigenkapital birgt erhebliche Sprengkraft“, sagt Dobert. Die gesamte Schifffahrtsbranche ist tief verunsichert und wartet auf verlässliche Signale für die Zukunft. (dpa/ak)

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