21.12.2009 |

Kommt Euro-6 später?

Paolo Monferino, Vorstandsvorsitzender Iveco, gehörte zu den ersten Managern, die öffentlich einen Aufschub bei der Umsetzung der Euro-6-Norm für LKW diskutierten. Mit seiner Idee, die neue Technik, welche neben immensen Entwicklungskosten sehr wahrscheinlich auch einen steigenden Kohlendioxidausstoß der Fahrzeuge mit sich bringen wird, zu Gunsten einer späteren, verbrauchsgünstigeren Variante zu verschieben, findet er Gehör.

„Es geht nicht um die Verschiebung von sinnvollen Umweltgesetzen, sondern darum die wirtschaftliche Situation der Branche und unserer Kunden nach dem massiven Einbruch in 2009 in den Griff zu bekommen“, pflichtet der Daimler-Trucks-Chef Andreas Renschler bei und fügt an: „Mit einem Moratorium würden wir Nutzfahrzeughersteller Zeit gewinnen, um die Abgasreinigung weiter zu entwickeln mit dem Ziel, auch bei Euro-6-Fahrzeugen zumindest den gleichen Verbrauch und CO2-Ausstoß wie bei Euro-5-Trucks zu erreichen.“ Denn nach jetzigem Stand wird Euro-6 keine günstige Lösung.

„Der Betrieb der Euro-6-Fahrzeuge wird teurer, weil mit verschärften Grenzwerten bei den Stickoxiden der Verbrauch schätzungsweise um zwei bis drei Prozent steigt“, erklärt Andreas Renschler. Für die Umwelt bedeutet dieser Dieselmehrverbauch eine Erhöhung der CO2-Emissionen. Ähnlich kritisch sieht es der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Der Verband fordert, dass es in Zeiten, in denen der Klimaschutz Priorität genieße, darum geht, bisherige Konzepte zu überdenken und auf Umwelteffizienz zu achten. Die neue Euro-6-Motorengeneration müsse unter diesem Aspekt ausgesetzt und mit einer CO2-Komponente überarbeitet werden.

Iveco-Chef Monferino gibt zudem zu bedenken, dass man für die Umwelt einen deutlich größeren Effekt erzielen würde, wenn man die zahlreichen Euro-1- und Euro-2-LKW von den Straßen nimmt. Er betonte, dass die Euro-6-Norm nicht gekippt werden sollte, sie aber zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt komme. Denn neben der Umweltbilanz sind die Entwicklungskosten das zweite Extrem in der hitzigen Diskussion.

„Euro-6 wird die europäischen Hersteller zwischen 6 und 8 Milliarden Euro kosten“, rechnet der Iveco-Chef Monferino vor. Diese werden sich die Anbieter mit höheren Listenpreisen bezahlen lassen. Eine erste vom Bundesverband Wirtschaft, Verkehr und Logistik (BWVL) veröffentlichte Schätzung geht von einem Mehrpreis von rund 4000 Euro zwischen einem jetzigen Euro-5- und einem künftigen Euro-6-Truck aus. Diese Kosten werden in der momentan schwierigen wirtschaftlichen Lage die NFZ-Käufer, wie auch die Industrie nur schwer stemmen können. Dementsprechend laufen Verhandlungen mit den Entscheidungsträgern in Brüssel.

Ein Sprecher des Verbandes der Europäischen Fahrzeughersteller (ACEA) bestätigte gegenüber der VerkehrsRundschau Gespräche zwischen der Industrie und den EU-Gremien. Dabei informieren die NFZ-Anbieter die Politiker über die Vorteile und die nötigen Entwicklungskosten von Euro-6 und geben eine Überblick zur wirtschaftlichen Lage der NFZ-Branche sowie des gesamten Transportsektors. Gemeinsam wolle man offen Lösungen diskutieren, um beides zu erreichen: Den Weg aus der Krise finden und die beschlossenen Umweltnormen umzusetzen. Ein zweijähriger Aufschub für die Einführung der Norm wäre daher eine sinnvolle Option, heißt es aus Verhandlungskreisen.

Gegenwind gibt es indes aus dem Umweltbundesamt. „Wir unterstützen die Einführung der Euro-6-Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge ab dem Jahr 2013. Es gibt keine technischen Gründe, davon abzuweichen“, stellt Stefan Rodt, Abteilungsleiter Verkehr, Lärm, klar. Schließlich sei die ausschlaggebende Verordnung (595/2009/EG vom Juni 2009) das Ergebnis jahrelanger Diskussionen mit allen beteiligten Kreisen - einschließlich der Hersteller. „Die grundlegenden Forschungsarbeiten im Vorfeld dieser Grenzwerte sind heute weitgehend abgeschlossen, so dass nun die Einführung in die Serie vorbereitet werden kann“, fordert Rodt.

Dem kontert Daimler-Trucks-Chef Renschler mit einem weiteren Argument für eine spätere Einführung von Euro-6. So habe Japan vor kurzem die Einführung des Euro-6 kompatiblen Post-JP-09-Standards verschoben. „Eine Verschiebung von Euro-6 um zwei Jahre würde dann zu einer nahezu zeitgleichen Einführung beider Standards in Japan und in Europa führen“, so der Manager. Die seit langem geforderte weltweite Harmonisierung der Messvorschriften würde damit ein Schritt näher rücken. Das Ringen um den Start der Euro-6-Norm geht also weiter. (rs)

 
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