08.06.2009 |

IATA fürchtet Milliardeneinbruch

Luftfracht

Kuala Lumpur. Die internationale Luftfahrtindustrie muss in diesem Jahr weitaus drastischere Verluste hinnehmen als bislang befürchtet: Der Luftfahrt-Weltverband IATA rechnet mit einem Minus von neun Milliarden US-Dollar (rund 6,4 Milliarden Euro) für 2009. Das ist fast doppelt so viel wie die Vorhersage vor zweieinhalb Monaten (4,7 Milliarden Dollar). Die neue Prognose legte IATA- Generaldirektor Giovanni Bisignani heute bei der Jahreshauptversammlung des Verbandes in Kuala Lumpur in Malaysia vor. Weltweit seien 100.000 Arbeitsplätze in Gefahr, sagte IATA-Chefökonom Brian Pearce, ein Viertel davon in Europa. Auch 2008 waren die Verluste höher als bislang bekannt: nicht 8,5 Milliarden sondern 10,4 Milliarden Dollar.

!Wir kämpfen ums Überleben“, sagte Bisignani. „Dies ist die schwierigste Situation, mit der sich die Industrie je auseinandersetzen musste.“ Bisignani forderte eine stärkere Deregulierung, die Öffnung von Routen, die Lockerung der Beteiligungsklauseln, um grenzüberschreitende Fusionen zu erleichtern, und mehr staatliche Gelder zur Erforschung von Biotreibstoffen. Die Luftfahrtindustrie beschäftigt weltweit etwa 32 Millionen Menschen. Eine Öffnung für mehr Wettbewerb könne 24 Millionen neue Jobs schaffen, meinte er.

Nach seinen Angaben sinken die Einkünfte der Airlines in diesem Jahr um 15 Prozent auf 448 Milliarden Dollar - ein Minus von 80 Milliarden Dollar. Nach den Terroranschlägen 2001 betrug der Einbruch 7 Prozent. „Es hat drei Jahre gedauert, um sich davon zu erholen“, sagte Bisignani. Da könne sich jeder ausrechnen, wie lange es diesmal dauere, bis die Einkünfte wieder das Vor-Krisen-Niveau erreichten. Ein Aufschwung ist nach seinen Angaben noch nicht in Sicht. „Optimisten glauben an die Erholung Ende des Jahres, aber Pessimisten halten das für eine Fata Morgana ... Ich bin Realist: ich sehe keine Fakten, die es erlauben, optimistisch zu sein.“

Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber rechnet nicht mit weiteren Einbrüchen im Passagiergeschäft. „Wir sehen auf der Nachfrageseite den Boden erreicht“, sagte er. „Es gab einen Riesenabschlag von rund zehn Prozent, aber auf dem Niveau sind wir geblieben.“ Mayrhuber wagte keine Prognose, wann mit dem Anziehen des Geschäfts zu rechnen sei. „Wir planen auf dieser Basis“, sage er. Die Lufthansa-Tochter Swiss plant über den Sommer einen Kapazitätsabbau. „Da müssen wir noch mal nachsteuern“, sagte Swiss- Chef und Lufthansa-Vorstand Christoph Franz. „Ich denke, es läuft auf minus drei bis vier Prozent raus.“

Im Frachtgeschäft können die Fluggesellschaften nach IATA- Prognosen noch mit einem Gesamtvolumen von 33,3 Millionen Tonnen (minus 17 Prozent) rechnen. Sie dürften 2,06 Milliarden Passagiere transportieren – 8 Prozent weniger als 2008. In Nordamerika geht IATA von einer Milliarde Dollar Verlust aus, in Europa von 1,8 Milliarden Dollar und in der Asien-Pazifik-Region mit 3,3 Milliarden Dollar.

„In den nächsten drei Jahren werden 4000 Flugzeuge ausgeliefert“, sagte Bisignani. „Die gewinnbringend zu füllen, wird eine Herausforderung sein.“ Vor der Tagung hatte er einen Einbruch von 30 Prozent bei den Bestellungen nicht ausgeschlossen - eine Hiobsbotschaft für die Flugzeugbauer Airbus und Boeing.

In der IATA sind 226 Fluggesellschaften organisiert, die mehr als 93 Prozent des Linienflugverkehrs abwickeln. Der Verband kündigte in Kuala Lumpur an, ab 2020 werde die Branche nur noch CO2-neutral wachsen. „Nach 2020 sollen die Emissionen der Luftfahrtindustrie auch mit wachsender Nachfrage nicht mehr steigen“, sagte Bisignani. Sollte das Ziel durch Effizienzsteigerungen nicht erreicht werden, würden die Airlines Zertifikate kaufen, um die Verschmutzung zu kompensieren.

Die Industrie hat nach IATA-Angaben einen Anteil von etwa drei Prozent am weltweiten Treibhausgas-Ausstoß, zwei Prozent bei Kohlendioxid (CO2). Nach Angaben von Bisignani gehen die CO2-Emissionen der Luftfahrt in diesem Jahr um 6,5 Prozent auf 623 Millionen Tonnen zurück - 4,7 Prozentpunkte durch den rezessionsbedingten Kapazitätsabbau, 1,8 Punkte durch Effizienzsteigerungen. (dpa/sb)

 
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