14.07.2010 |

Einzelwaggon-Reform: Massive Proteste gegen SNCF-Pläne

Paris. Die Auseinandersetzungen zwischen Verladern und Fret SNCF über die beabsichtigte Quasi-Aufgabe des bisherigen Einzelwaggon-Service spitzen sich zu. In der vergangenen Woche haben dagegen an der Nationalversammlung, dem Parlament des Landes, Gewerkschaften, Abgeordnete, Umwelt- und andere Verbände demonstriert. Eine Abordnung wurde dabei von Umweltminister jean-Louis Borloo empfangen. Zuvor hatten führende Industrieverbände, wie schon berichtet, die Aufgabe der Pläne in ihrer aktuellen Form verlangt. Darauf hat SNCF Geodis-Chef Pierre Blayau in ungewöhnlich rüdem Ton reagiert und die Forderungen zurückgewiesen. Die angekündigte Reform werde nicht ausgesetzt, erklärte er in einem Interview mit Les Echos.

Blayau sprach von einem Vorstoß „einiger Lobbies" und bezeichnete ihn als „schockierend". Ginge es nach ihnen, dann sei die SNCF kein Unternehmen, die Schiene kein wirtschaftliches Dienstleistungsangebot und die Bahn verpflichtet, einen Service zum halben Preis anzubieten. Im Kern laufe die Forderung der Industrieverbände darauf hinaus, daß die Bahn „die Logistikkosten der großen Unternehmen subventioniere". Dies sei inakzeptabel. In den Hintergrund werde so gedrängt, worum es bei der geplanten Reform der Frachtabteilung Fret SNCF gehe, nämlich darum, den Bahnfrachtsektor zu stärken und weiter auszubauen.

Blayau: Ruinöse und ineffiziente Praxis

Die gegenwärtige Praxis bezeichnete Blayau als „ruinös und ineffizient". In wessen Namen solle die Staatsbahn bitte schön auf Reformen verzichten, während sich ihre Kunden ununterbrochen an die Krise anpaßten, fragte der SNCF-Frachtchef. Er wies darauf hin, daß der Einzelwaggonverkehr in den letzten 2 Jahren um 50 Prozent zurückgegangen sei, und zwar bevor die Bahn mit der Reform begonnen habe, der gesamte Bahnfrachtverkehr aber nur um 30 Prozent. Demnach seien viele Verlader vom Einzelwaggon auf die billige Straße umgeschwenkt. Bemerkenswert sei auch, daß die SNCF-Konkurrenten dieses Angebot in Frankreich nicht weiter entwickelten, obgleich sie bei den SNCF-Kunden „sehr präsent" seien.

Angesprochen auf das zukünftige Einzelwaggon-Procedere, das von den Verladerkunden zeitliche und mengenmäßige Bedarfsfestlegungen bis zu einem Jahr verlangt sowie die Bereitschaft zu höheren Tarifen, verwies Blayau darauf, daß derlei Programmierungen von den Verladern doch auch im Straßengüter- und ebenso im maritimen Transport praktiziert würden. Ein Witz sei zudemn, wenn die Verbände mit Delokalisierung drohten: „Ich bin in meiner Karriere selbst dreimal in der Position eines Verladers gewesen. In keinem Moment waren Logistikkosten der Grund für Ausgliederungen ins Ausland", erklärte Pierre Blayau und bezeichnete die Kritik an den Reformplänen als „fern der Realität". Diese würden Schritt für Schritt weiter umgesetzt und das neue Einzelwaggonsystem werde Mitte 2012 voll installiert sein. (jb)

 
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