11.05.2009 |

Deutsche Bahn pocht auf Bau der Y-Trasse

Hannover. Wie von Geisterhand bewegt rollen lange Schlangen von Güterwagen durch das unüberschaubare Gleisgewirr des Rangierbahnhofs Seelze: Auch 100 Jahre nach seiner Eröffnung ist der Güterknotenpunkt bei Hannover mit seinen 135 Kilometern Gleisen eine der wichtigsten Drehscheiben im europäischen Frachtverkehr. Zur Bewältigung der rasant steigenden Gütermengen aus den norddeutschen Häfen ist der Verschiebebahnhof nach Millioneninvestitionen in neue Technik gerüstet, ebenso wie bald auch Deutschlands größter Rangierbahnhof in Maschen bei Hamburg. Engpässe aber drohen auf den
Strecken: Der Bau der Y-Trasse sei Norddeutschlands dringlichstes Projekt, erklärte die Deutsche Bahn bei der Jubiläumsfeier am Wochenende in Seelze.

Während die Güterbahnhöfe noch Reserven zum Umschlag größerer Frachtmengen hätten, drohten Engpässe auf den Bahntrassen ins Hinterland, erklärte der Produktionsvorstand der DB-Frachtsparte Schenker Rail, Eckart Fricke. „Für Norddeutschland ist das Y eines der wesentlichen Vorhaben.“ Spätestens ab 2018 werde es knapp. Auch wenn die Neubaustrecke von Hannover Richtung Hamburg und Bremen vor allem für den ICE-Verkehr gedacht sei, käme sie dem Güterverkehr sehr zu gute. Dadurch, dass die schnellen ICE-Züge auf den bisherigen Strecken die Güterzüge nicht mehr zur Vorbeifahrt auf Ausweichgleise drängten, steigere sich die Kapazität enorm. In dichtem Abstand könnten Güterzüge und die ähnlich schnellen Regionalzüge künftig hintereinander herfahren.

Dass Seelze im bahninternen Effizienzvergleich der Rangierbahnhöfe früher oft die Nase vorne hatte, war dem Einsatz der Eisenbahner zu verdanken. Um künftig noch mehr Güterzüge in kurzer Zeit auseinander rangieren und die Wagen auf neue Züge verteilen zu können, setzt die Bahn auf moderne Computertechnik im Stellwerk. Ein Ausbau des 5,5 Kilometer langen Bahnhofsareals sei nicht nötig, so Fricke. Schon heute sind ein Teil der Lokomotiven ferngesteuert unterwegs - und die wie in den Gründerjahren der Bahn über einen Ablaufberg geschobenen Wagenschlangen werden inzwischen automatisch abgebremst. Der gefährliche Beruf des Hemmschuhlegers ist Geschichte.

Gleichzeitig mit dem Rangierbahnhof Seelze wurde vor 100 Jahren auch die Güterumgehungsbahn von Wunstorf über Hannover-Linden nach Lehrte gebaut - heute eine der am stärksten befahrenen Güterzugstrecken Deutschlands. Die Züge umfahren auf dieser Strecke das Zentrum von Hannover - gleichwohl ist der Lärm der Züge vor allem nachts kilometerweit in den Stadtteilen zu hören. Die Kritik, dass die Y-Trasse nicht an diese Güterschlagader und den Bahnhof Seelze anschließen wird, kann die Bahn entkräften: Viele der aus den Häfen startenden Züge bündelten bereits Fracht in andere Landesteile und brauchten keinen Zwischenstopp in einem Rangierbahnhof einzulegen.

„Der Zusammenhalt und die Identifikation mit der Eisenbahn sind in Seelze so stark wie in kaum einer anderen Stadt“, meint Schenker-Rail-Vorstand Klaus Kremper. „Wenn man an Seelze denkt, denkt man auch unweigerlich an die Bahn“, meint Bürgermeister Detlef Schallhorn. Ganze Siedlungen entstanden für die Bediensteten und heute ist die Bahn mit rund 800 Mitarbeitern zweitgrößter Arbeitgeber des Ortes. Dabei konzentrierte die Bahn viele Aktivitäten - etwa aus Braunschweig und Bremen - schrittweise in Seelze, um konkurrenzfähig im Wettkampf mit dem LKW zu bleiben. Dass der Rangierbahnhof in dem Vorort Hannovers geplant wurde, hatte nicht nur eisenbahntechnische
Gründe: Das Vorhaben zum Bau im nahen Wunstorf scheiterte an überzogenen Geldforderungen der Landwirte für ihre Äcker. (dpa)

 
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