24.08.2009 |

"Betonkrebs" macht Autobahnen zu schaffen

Berlin. Auf der Autobahn A 9 von Berlin nach München sollten Autofahrer stets eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen. In letzter Zeit lauern die Geduldsproben vor allem zwischen Dessau und Bitterfeld. Hier sind wieder einmal Bauarbeiter am Werk. Beton wird aufgefräst und mit Teer wieder verschlossen. Im Stop-and-Go-Verkehr stellen sich viele Staugeplagte die Frage, warum Autobahnen, die noch gar nicht so lange fertig sind, schon der Reparatur bedürfen. Einer der Gründe heißt „Betonkrebs“. Diese tückische „Krankheit“ lässt Betondecken reißen und zerbröseln.

Für Asphaltdecken gilt eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa zwölf Jahren. Dann müssen sie neu aufgelegt werden. Betondecken gelten als langlebiger und widerstandsfähiger. Ingenieure gehen von 30 Jahren Haltbarkeit aus, allerdings nur, wenn die Betonmischung in Ordnung ist, erläutert Jürgen Berlitz, Experte für Straßenverkehrsplanung beim ADAC in München. Das ist das Problem - auf manchen Autobahnabschnitten stimmt die Mischung nicht.

Im Osten, wo viele Autobahnen nach dem Ende der DDR mit gewaltigen Investitionen von Grund auf erneuert oder neu gebaut wurden, gibt es relativ viele Betonfahrbahnen und auch mehr Probleme mit „Betonkrebs“. Befallen sind oder waren nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums neben der A 9 der Berliner Ring A 10 sowie Abschnitte der A 14 Magdeburg-Dresden, der A 19 Rostock-Dreieck Wittstock und der A 24 Berlin-Hamburg. Im Westen ist Hessen am stärksten betroffen. Bundesweit sind oder waren nach derzeitigen Erkenntnissen rund 350 Kilometer „erkrankt“. Der erste Verdachtsfall wurde 1995 aus Brandenburg von der A 24 gemeldet.

Unter „Betonkrebs“ ist eine Alkali-Kieselsäure-Reaktion zu verstehen. Wenn sich bestimmte Kiessorten in feuchter Umgebung nicht mit dem Bindemittel Zement vertragen, kommt ein chemischer Prozess in Gang, der den Beton zersetzt. Wie lang die „Inkubationszeit“ ist, bis Schäden sichtbar werden, weiß niemand so genau. Das FEhS-Institut für Baustoff-Forschung in Duisburg geht von fünf bis zehn Jahren aus. „Da spielt ein ganzes Bündel von Faktoren eine Rolle, so dass kaum eine Verallgemeinerung möglich ist“, meint Dittmar Marquordt. Er leitet die Fachgruppe Straßenbautechnik im Landesbetrieb Bau Sachsen-Anhalt.

Das Bundesverkehrsministerium hat Forschungsarbeiten ausgewertet und in den letzten Jahren Vorgaben für den Bau von Betonfahrbahnen mehrfach verändert. So ging es darum, den Zementanteil im Beton zu verringern, wenn alkaliempfindliche Gesteine verwendet werden.

Wie sieht die Behandlung „erkrankter“ Autobahnen aus? Wegweisende Erkenntnisse erhoffen sich Experten von einem Modellversuch, der seit Sommer 2008 in Sachsen-Anhalt läuft. Hier sind zwischen Bernburg und Könnern zwölf Kilometer der A 14 in acht Abschnitte unterteilt, auf denen unterschiedliche Versiegelungen gegen Wasser und Tausalz ausprobiert werden.

So ist ein Abschnitt der Betondecke etwa mit dem Leichtmetall Lithium getränkt, ein anderer mit Epoxidharz beschichtet, wieder ein anderer mit Leinölfirnis behandelt. Den Bund kostete die Aktion rund 108.000 Euro pro Kilometer. Die ersten Messergebnisse werden jetzt ausgewertet. Welches Mittel am besten dazu taugt, Zersetzungen aufzuhalten, steht noch nicht fest. „Wir beobachten die Langzeitwirkung“, sagt Marquordt.

Nicht jede Baustelle auf Betonautobahnen hat etwas mit „Betonkrebs“ zu tun. Auch normale Pflege und Instandhaltung ist aufwendig. Betonplatten beispielsweise sind heutzutage verdübelt und die Fugen mit elastischen Füllstoffen verbaut, die zum Teil wie Schläuche aussehen und hin und wieder erneuert werden müssen, wie Berlitz berichtet. Und schon ist wieder eine Baustelle da.

„Auf der A 9 sind werktags auf jeder Richtungsfahrbahn 75.000 bis 78.000 Fahrzeuge unterwegs, darunter viele schwere Lkw“, erläutert Hartmut Herrmann von der Autobahnmeisterei Weißenfels. „Bei den heutigen Lasten muss man immer mit Schäden rechnen.“ Der Autofahrerclub ADAC zählte kürzlich 330 Baustellen auf deutschen Autobahnen, an denen länger als eine Woche gearbeitet wird. (dpa)

 
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