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Die vom Kraftfahrtbundesamt errechneten Zahlen zum Werkverkehr werden angezweifelt

©Stefan Simonsen/ dapd

Verband zweifelt Zahlen des Bundesamtes für Güterverkehr an

Kuriosum: BAG zieht die Zahlen aus dem eigenen Marktbeobachtungsbericht in Zweifel – Auch Verkehrswissenschaftler trauen den BAG-Angaben nicht

München. Der Marktbeobachtungsbericht des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) sorgt für Aufsehen. Denn in dem gerade veröffentlichte Bericht werden für 2010 Zahlen zur Verkehrsentwicklung genannt, die nicht zu wirtschaftlichen Entwicklung passen (s. auch Meldung vom 04. August).

Im Blickpunkt stehen die Angaben zur Güterverkehrsleistung und zum Aufkommen im Werkverkehr sowie in der Gütergruppe „chemische Erzeugnisse". So hat laut BAG-Bericht der Werkverkehr 2010 24,5 Prozent bei der Gütermenge und 20,4 Prozent bei der Verkehrsleistung verloren. Und das, obwohl im gleichen Jahr das Wirtschaftswachstum um 3,6 Prozent geklettert ist. Auch die Zahlen zur Entwicklung des Aufkommens und der Verkehrsleistung in der Güterabteilung „chemische Erzeugnisse" werden vom BAG angezweifelt. Die Angaben stammen vom Kraftfahrtbundesamt (KBA). Das KBA ermittelt die Zahlen mittels Stichprobenbefragungen bei den Unternehmen.

Das BAG schreibt in seinen Bericht, dass die Rückgänge im Werkverkehr und beim Transport chemischer Erzeugnisse „sich in ihrer Deutlichkeit auf Grundlage der vorhandenen Informationen seitens des Bundesamtes nicht erklären" lassen. Vor diesem Hintergrund seien die Daten für den Gesamt- und den Straßengüterverkehr im Jahr 2010 „mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren".

BWVL: Rückgang ist unerklärlich

Auch der Bundesverband Wirtschaft, Verkehr und Logistik (BWVL), der 1.500 Unternehmen aller Größenordnungen aus Industrie und Handel vertritt, zieht die Zahlen in Zweifel. „Der Rückgang ist aus unserer Sicht unerklärlich", sagte Detlef Neufang, Geschäftsführer des Verbandes gegenüber der VerkehrsRundschau. Die Mitgliedsunternehmen hätten im letzten Jahr von „gut gefüllten Auftragsbüchern" berichtet. Es könne sein, dass das eine oder andere Unternehmen seinen Werkfuhrpark als Spedition angemeldet habe. Das könne aber die hohen Verluste nicht erklären.

Das KBA beruft sich bei seinen Zahlen auf die Angaben der Unternehmen. „Auffallend ist gewesen, dass deutlich mehr Unternehmen als sonst für ihren Fuhrpark gewerblicher Verkehr und Werkverkehr angegeben haben", begründet Elfriede Hansjosten, Referatsleiterin Kraftverkehrsstatistik im KBA, die Verluste des Werkverkehrs. Eine Revision der Zahlen werde nicht erfolgen, da es keinen Grund gäbe, die Angaben der Unternehmen in Zweifel zu ziehen.

Verkehrswissenschaftler zeigt ebenfalls Bedenken

„Bei den Zahlen für den Werkverkehr kann irgendetwas nicht richtig sein", meldet auch Ralf Ratzenberger Bedenken an. Ratzenberger hat gerade wieder im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums die Prognose für die Güterverkehrsentwicklung in Deutschland angefertigt, die in den kommenden Wochen erscheint. Ratzenberger zweifelt jedoch auch das Plus für den gewerblichen Straßengüterverkehr 2010 an. „Der Zuwachs von 12,4 Prozent bei der Menge und 8,3 Prozent bei der Verkehrsleistung ist außerordentlich hoch und erscheint mir nicht plausibel angesichts eines schwachen ersten Quartals 2010", so der Verkehrswissenschaftler. Hingegen hält er die insgesamt für den Straßengüterverkehr vom BAG veröffentlichte Mengen- und Verkehrsleistungsentwicklung (- 1,2 Prozent beim Aufkommen, + 2,3 Prozent bei der Leistung) für realistisch. „Denn die Werte für die ausländischen LKW liegen noch nicht vor." Erfahrungsgemäß würde deren Berücksichtigung für einen Anstieg der Zahlen um etwa ein, zwei Prozent sorgen.

Ungereimtheiten sind auch bei der Entwicklung der Zahlen für die Güterabteilung „chemische Erzeugnisse" zu beobachten. Die Verkehrsleistung hat sich 2010 demnach um 48,5 Prozent verringert, die Gütermenge sogar um 72,5 Prozent. „Das ist völlig unplausibel bei einem Wachstum in der Produktion von über 10 Prozent im Jahr 2010", sagte Ratzenberger. Nach Aussage von Hansjosten sind die KBA-Zahlen 2009 zu 2010 nicht vergleichbar, da eine statistische Neustrukturierung vorgenommen wurde. „Womöglich waren einige Umrechnungsfaktoren nicht korrekt", gesteht Hansjosten. Deshalb gäbe es derzeit für das KBA und das Statistische Bundesamt einen Prüfauftrag, diese Umrechnungsfaktoren nochmals zu hinterfragen. (cd) 

Weitere Berichte zu diesem Thema finden Sie in unserem Special BEHÖRDE – BAG.

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