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Professor Christian Kille

Professor Christian Kille analysiert die aktuelle Lage bei DB Schenker

©FHWS

"Schenker Logistics und Schenker Rail sind noch nicht wirklich integriert"

Wechsel im Topmanagement und zum Teil enttäuschende Bilanzzahlen: Bei DB Schenker herrscht Unruhe. Christian Kille, Logistikprofessor an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, analysiert die aktuelle Lage.

VerkehrsRundschau: DB Schenker Logistics und DB Schenker Rail haben ihre Ertragserwartungen im vergangenen Jahr klar verfehlt. Das zeigt die aktuelle Jahresbilanz vor Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube. Woran hakt es in den beiden Logistiksparten?

Christian Kille: Diese Entwicklung hat auch mit der nach wie vor nicht gelösten Integrationsfrage zu tun. Die beiden Sparten DB Schenker Logistics und DB Schenker Rail sind noch nicht wirklich integriert. Seitens des Mutterkonzerns Deutsche Bahn wird diese Integration zwar angestrebt, von der operativen Seite aber nicht wirklich gewollt. Das ist für jeden Vorstand schwierig, der in dieser Richtung etwas bewegen will.

Welche Vorteile hätte aus Unternehmenssicht eine verstärkte Integration der beiden Sparten?

Diese Integration wäre sehr sinnvoll. Es gibt viele Lösungen, die beide Seiten benötigen. So offeriert die Rail-Sparte genügend Bahn-Lösungen, um bei Schenker Logistics Straßentransporte per LKW einzusparen. Aus Kapazitätsgründen funktioniert dies in Deutschland und den Niederlanden zwar nicht auf allen Strecken. Aber es gibt genügend Strecken, auf denen man dadurch Kosten einsparen könnte. Auch das Verladerinteresse, auf bestimmten Relationen Transporte auf die Schiene verlagern, ist da. Diesen Kunden könnte man integrative Lösungen offerieren. Das wird zwar vereinzelt schon gemacht, aber noch nicht in vollem Umfang. Mit dem Risiko, dass Schenker Rail bei bestimmten Ausschreibungen fallweise nicht zum Zuge kommt.

Für wie realistisch halten Sie es, dass es zu dieser stärkeren Integration kommt?

Die Wahrscheinlichkeit halte ich für sehr niedrig. Dafür bräuchte es zwei Top-Manager, die beiden Bereichen gemeinsam vorstehen und diese Integration vorantreiben und einfach einmal ausprobieren. Ob die Integration gelingt, hängt sehr davon ab, wie stark die Führung ist, welche Ideen und Visionen die Manager hier haben.

Welche Risiken würde denn eine stärkere Verzahnung beider Bereiche für den Schenker-Landverkehr bergen?

Der Landverkehr könnte fallweise in die zweite Reihe rutschen. Denn es gibt einzelne Kunden, die aus Gründen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie Verkehre über die Schiene abwickeln wollen. Und deren erster Ansprechpartner wäre die Rail-Sparte. Sprich: in diesen Fällen würde die Straßen-Sparte als Subunternehmer für Rail-Sparte tätig sein. Das Ganze kann natürlich auch andersherum passieren. Das Volumen von DB Schenker Logistics würde dadurch aber nicht merklich sinken. Ein wirklicher Schaden entstünde dem Unternehmen aber, wenn es durch seine Nicht-Integration Sendungsvolumen an Wettbewerber verlieren würde.

Wie wettbewerbsfähig ist DB Schenker angesichts dieser Herausforderungen im Logistikmarkt?

DB Schenker hat nach wie vor eine sehr gute Stellung, insbesondere im internationalen Markt. Kein anderes Logistikunternehmen in Europa hat ein solches Portfolio und eine solche Netzabdeckung zu bieten. Allerdings hebt das Unternehmen durch seine aktuelle Aufstellung nicht alle Potenziale, die möglich wären.

Würden Sie so weit gehen, dass es DB Schenker schadet, unter dem Dach der Deutschen Bahn angesiedelt zu sein?

Die Strategie der Deutschen Bahn ist richtig, alle Verkehrsträger unter einem Dach zu haben. Um aber zu 100 Prozent alle PS auf die Straße zu bringen, die der Konzern bildlich gesprochen unter seiner Haube hat, müssten die Sparten der Bahn deutlich enger miteinander arbeiten. In der Sparte DB Schenker Logistics funktioniert dies schon ganz gut. Und wenn dann hier noch der Schulterschluss mit der Schiene gelingt, kann das Unternehmen seinen Kunden wirklich integrierte Logistiklösungen bieten.

Mit welchen Stärken kann DB Schenker gegenüber anderen Playern noch punkten?

DB Schenker hat eine sehr gute internationale Abdeckung, vor allem in Europa. Das Unternehmen hat in Europa das wohl dichtest-geknüpfte Netz mit eigenen Niederlassungen. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Speditionen, die ein solches Netz über die Zusammenarbeit mit Subunternehmern darstellen. In dieser Flächenabdeckung ist DB Schenker fast einzigartig. Zudem hat das Unternehmen Zugriff auf alle Logistikleistungen. Selbst die Massengutlogistik auf dem Binnenschiff ist bei der Deutschen Bahn gut abgedeckt. Das ist ein Pfund, mit dem DB Schenker wuchern kann. Zudem genießt das Unternehmen in der Branche den Vertrauensvorschuss, dass es Großprojekte erfolgreich umsetzen kann: dank seiner Finanzkraft und Ressourcenstärke. Selbst eine DHL bietet ein solches Komplettpaket nicht. Da hat DB Schenker in Europa in der Tat eine Art Alleinstellungsmerkmal.

Ist DB Schenker also unterm Strich als globales Logistikunternehmen beim Konzern Deutsche Bahn gut aufgehoben?

Unterm Strich ja. Stärke und Schwäche von DB Schenker Logistics ist es aber, dass manche Niederlassungsleiter immer noch als Regionalfürsten operieren. Vorteil ist, sie treten Kunden gegenüber wie Mittelständler auf. Kehrseite ist, dass DB Schenker zum Bahn-Konzern gehört und dadurch in einem Korsett ist. Dadurch lassen sich bestimmte Dinge nicht so schnell bewegen. Andererseits verfügt DB Schenker dank seiner Zugehörigkeit zum Bahn-Konzern über viel Finanzkraft und kann so wirkliche Großinnovationen treiben.

Das Interview führte VerkehrsRundschau-Redakteurin Eva Hassa.

Mehr zum Thema „Unruhe bei DB Schenker“ lesen Sie in der  Titelgeschichte der aktuellen VerkehrsRundschau 13/2015 vom 27.  März 2015.
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Weitere Berichte zu diesem Thema finden Sie in unserem Special RAILCARGO & KV.

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