Timo Wollmershäuser

Geht für Deutschland von einem kräfitgeren Wachstum für 2020 aus, weil wir alle mehr arbeiten müssen: Timo Wollmershäuser, Konjunkturexperte im Ifo-Institut

©Britta Pedersen/dpa/picture-alliance

Interview: Eine Rezession ist nicht zu befürchten

Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut über sinkende Wachstumsraten, welche Branche gerade besonders schwächelt und welche Folgen das Gezerre um den Brexit auf die Konjunktur hat.

München. Die Konjunkturexperten in Deutschland überbieten sich gerade darin, die Prognosen für das Wirtschaftswachstum nach unten zu korrigieren. Im Sommer 2018 hat das Ifo-Institut noch 1,8 Prozent Wachstum für das laufende Jahr vorhergesagt, mittlerweile ist dieser Wert auf 0,6 Prozent korrigiert. Und gestern dann die Prognose des Bundeswirtschaftsministeriums: Die Regierung rechnet nur noch mit einem kleinen Zuwachs von 0,5 Prozent für 2019 und hat damit die Prognose aus dem Januar um die Hälfte verringert. Doch Timo Wollmershäuser, Leiter Konjunkturforschung  und -prognosen beim Ifo-Institut in München und einer der renommiertesten Konjunkturexperten in Deutschland, glaubt nicht, dass Deutschland in eine Rezession gerät. Lesen Sie im Exklusiv-Interview mit der VerkehrsRundschau, welche Branche gerade schwächelt, warum es 2020 wieder bergauf geht und wie die Debatte um den Brexit sich auf die Konjunktur auswirkt.

 

Steuert Deutschland auf eine Rezession zu?

Timo Wollmershäuser: Nein. Wir haben eine relativ starke Abschwächung der Konjunktur nach vielen Jahren des Aufschwungs. Aber ich glaube nicht, dass wir in eine Rezession geraten.

Was sind die Ursachen für die Abschwächung?

Es ist vor allem die Industriekonjunktur: Die deutsche Industrie leidet unter einer geringeren, weltweiten Nachfrage.

Dass es wieder zu einer Krise kommt wie 2008/2009, das ist nicht befürchten?

Das würde ich momentan ausschließen. Wir gehen von einem Wirtschaftswachstum für 2019 in Höhe von 0,6 Prozent aus. Zum einen, weil wir nach wie vor eine kräftige Binnenkonjunktur beobachten. Die meisten Indikatoren jenseits der Industrie – ob nun für die Verbraucher, den Konsum oder den Dienstleistungssektor – sehen gut aus, zum Teil sogar sehr gut, wenn man sich beispielsweis die Bauwirtschaft ansieht. Aber es gibt auch enorme Risiken. Die Prognosen gehen jedoch davon aus, dass diese Risiken – der Brexit, die US-Handelspolitik, Italien als Sorgenkind der Eurozone, etc. – nicht eskalieren. Ein großer Unterschied zu 2008 und 2009 besteht auch darin, dass die damalige Krise mit enormen Verwerfungen an den Finanzmärkten einherging. Die sind derzeit nicht zu erkennen.

Fast monatlich werden die Wachstumsraten nach unten korrigiert. Da sind wir doch nicht mehr weit von einer Rezession entfernt.

Eine Rezession bedeutet einen Rückgang in der Wertschöpfung über mehrere Quartale in Folge, und zwar breit angelegt in der gesamten Wirtschaft. Über eine technische Rezession wird gesprochen, wenn in einem oder zwei Quartalen die Wirtschaft schrumpft. Das hatten wir fast Ende letzten Jahres. Das war aber keine klassische Rezession, da nur die Wertschöpfung in der Industrie im dritten und vierten Quartal 2018 kräftig rückläufig gewesen war. Und wahrscheinlich wird sich dieser Rückgang auch in der ersten Jahreshälfte 2019 fortsetzen. Aus der Industrie ist wirklich die Luft raus. Man könnte sagen, die Industrie befindet sich in einer Rezession. Demgegenüber steht aber ein starker Konsum 2019 aufgrund der Entlastungen bei den Haushalten. Im Bau läuft es sehr gut. Daher gibt es keinen Anlass, von einer gesamtwirtschaftlichen Rezession zu sprechen.

Welchen Anteil hat die Automobilindustrie an der Abwärtsentwicklung?

Einen großen, und den haben wir Konjunkturforscher auch lange unterschätzt. Die WLTP-Probleme waren gravierender als von uns gedacht. Aber die Automobilindustrie hat noch ein viel größeres Problem: eine weltweite Nachfrageschwäche. Der Produktzyklus bei Autos ist ausgelaufen und der Übergang zu einer neue Antriebstechnologie noch nicht abgeschlossen. Deshalb sind die Autokäufer verunsichert, welche Autos sie kaufen sollen und stellen den Erwerb zurück. Daher sind die Zulassungszahlen für Kraftfahrzeuge weltweit rückläufig.

Wird dieses Problem die Autoindustrie noch länger begleiten?

Das ist schwierig zu beantworten. Das hängt auch von politischen Entscheidungen ab, welche Antriebsarten die Politik fördert, welche sie mit Auflagen versieht. Die Technologie der Zukunft ist nach wie vor nicht zu erkennen.

2020 steigt das Wachstum wieder?

Für das nächste Jahr rechnen wir mit einem Plus von 1,8 Prozent. Das hört sich viel an, liegt aber mit daran, dass wir nächstes Jahr viel arbeiten müssen: Wir haben vier Arbeitstage mehr als in diesem Jahr, und das macht 0,4 Prozent Wachstum. Klammert man diese Entwicklung aus, kommen wir auf 1,4 Prozent. Das entspricht unserem Trendwachstum der letzten Jahre.

Dieses Wachstum ist auch realisierbar, trotz Fachkräftemangel?

Wir haben immer noch eine kräftige Zuwanderung. Ohne die wäre es deutlich schwieriger, ein solches Wachstum zu erreichen, da wir von der demographischen Entwicklung her nicht mehr viele Reserven haben.

Hat die Politik letzte Woche zum Brexit die richtigen Entscheidungen getroffen?

Die Unsicherheit bleibt. Aus konjunktureller Sicht hat sich nicht viel verbessert. Wir wissen immer noch nicht, wie die künftigen Beziehungen zu Großbritannien aussehen werden: für Unternehmer eine sehr unbefriedigende Situation. Kurzfristig wird es den harten Brexit nicht geben. Das ist positiv, aber nicht zufriedenstellend.

Lässt sich beziffern, welchen Einfluss ein harter Brexit auf die deutsche Wirtschaft hätte?

Nein. Es muss einen negativen Effekt haben, doch wie groß der ist, lässt sich nicht vorhersagen. Wir kennen nicht die Bedingungen eines harten Brexits, wir wissen nicht, zu welchen Verwerfungen es im internationalen Handel kommen würde und es gab einen solchen Fall in der Geschichte auch noch nicht.

Sind jetzt schon Einbußen im Außenhandel zwischen Großbritannien und Deutschland zu beobachten?

Die Debatte um den Brexit belastet die britische Konjunktur schon länger. Seit dem ist ein Rückgang des Wirtschaftswachstums zu beobachten. Wenn die Konjunktur in einem wichtigen Abnehmerland von Deutschland nicht mehr läuft, hat das natürlich auch Folgen für die hiesige Konjunktur.

Was raten Sie Unternehmen, die in Großbritannien Geschäfte machen?

Das ist nicht so einfach. Aber sie sollten Druck auf die Politik machen, dass auch im Falle eines Austritts möglichst viele der Freiheiten im Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften nach wie vor Gültigkeit haben. Wie diese Grundfreiheiten aussehen, ist eine ganz entscheidende Frage und die sollten trotz Brexit weitestgehend erhalten bleiben.

Man darf den Austritt aber auch nicht zu leicht machen, weil dann das nächste EU-Mitglied dem Beispiel Großbritanniens folgt.

Das stimmt. Man sollte schon deutlich machen, welche Vorteile es bringt, in der Währungsunion zu sein. Trotzdem, man darf sich auch nicht gegenseitig mit Sanktionen und Barrieren zuschütten. Damit ist keinem geholfen. Wir schließen ja auch mit anderen Staaten Freihandelsabkommen ab.

Die Unsicherheit in den Unternehmen ist groß. Wäre es daher nicht besser gewesen, wenn Ende März doch der harte Brexit gekommen wäre und jeder hätte gewusst, woran er ist?

Kurzfristig wäre es vielleicht besser gewesen. Aber es hätte Verwerfungen mit sich gebracht, deren Ausmaß wir nicht kennen. Doch es stimmt natürlich: All diese Unsicherheiten, der Brexit, aber auch die Drohungen seitens der US-Handelspolitik, sind genau die Entwicklungen, die die Konjunktur im letzten Jahr zum Erlahmen gebracht haben. Aber wenn wir es schaffen, GB geregelt und mit einem vernünftigen Abkommen aus der EU bringen, dann ist es das wert, dass wir kurzfristig mit diesen Unsicherheiten leben müssen. Aber auch nur dann.

Das Interview führte Michael Cordes

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Weitere Berichte zu diesem Thema finden Sie in unserem Special MARKT FÜR TRANSPORT, SPEDITION UND LOGISTIK.

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