17.08.2009 |

Russland bangt um die Seeleute der „Arctic Sea“

Moskau/London. Russische Atom-U-Boote suchen die „Arctic Sea“, Psychologen betreuen Angehörige der verschwundenen Seeleute, dazwischen Spekulationen um „heiße Fracht“: Russland bangt um die Besatzung des seit Wochen verschwundenen Frachters. Und nicht nur Moskau rätselt weiter über den mysteriösen Fall: Von Piraten entführt? Beim Waffenschmuggeln gekapert? Nach einem Unfall gesunken?

„Die Lage ist dramatisch“, fasst Russlands NATO-Botschafter Dmitri Rogosin die Situation zusammen. Der Diplomat bestätigte offiziell, dass Russland bei der Suche nach dem Schiff ein Hilfsangebot der NATO angenommen habe. Da aber weiter seriöse Informationen über den Verbleib des Frachters fehlen, schießen Spekulationen aus oft obskuren Quellen wild ins Kraut.

Erst vor kurzem habe die Staatsanwaltschaft in der Wolga-Region Nischni Nowgorod den illegalen Verkauf von vier Kampfjet-Rümpfen aufgedeckt, berichtete etwa das russische Staatsfernsehen. Möglicherweise hänge das Verschwinden der „Arctic Sea“ mit dem Handel dieser MiG-31-Teile zusammen, hieß es ohne weitere Erklärung.

Der unter maltesischer Flagge fahrende Frachter war offiziell mit einer Ladung Holz auf dem Weg von Finnland nach Algerien, als er von den nautischen Ortungsgeräten verschwand. Den letzten Kontakt soll es am 28. Juli im Ärmelkanal mit britischen Behörden gegeben haben.

Am Wochenende wollte ein russischer Amateurfunker erstmals wieder das Positionssignal des 17 Jahre alten Frachters mit der Kennung IMO 8912792 aufgefangen haben - im Golf von Biskaya. Eine kleine Sensation, doch die französische Küstenwache bestätigte die Angaben nicht. Hartnäckig hielten sich daher Informationen, das Schiff könne sich vor dem kapverdischen Inselstaat an der westafrikanischen Küste befinden. Auch hier gab es aber ein Dementi.

Britische Medien spekulieren, dass bei einer am Wochenende in der Reederei eingegangenen Lösegeldforderung „Trittbrettfahrer“ am Werk gewesen sein könnten. Die Nachricht weiche stark vom Schema jüngster Piraterie-Fälle ab, hieß es.

Falls der Frachter Schmuggelware an Bord haben solle, würde er kaum Drogen nach Afrika bringen, kommentierten russische Medien. Immer wieder wurde dabei auch das radioaktive Schwermetall Plutonium genannt. Die englische Zeitung „The Mail on Sunday“ heizte am Wochenende die Fantasie mächtig an: Im finnischen Hafen, in dem die „Arctic Sea“ beladen wurde, soll es Tests auf radioaktive Strahlenbelastung gegeben haben.

Tatsächlich gilt es in Moskau als ungewöhnlich, dass Russland mit Atom-U-Booten und der Schwarzmeerflotte sowie mit Hilfe der NATO nach dem Schiff sucht. Dies sei viel Aufwand für einen angeblichen Holztransporter mit 15 russischen Seeleuten an Bord, wundern sich Beobachter in Moskau und denken an ein anderes berühmtes „verschwundenes“ Schiff.

Vor rund 100 Jahren hatte eine Fregatte des russischen Pazifikgeschwaders auf dem Weg nach Japan wegen einer Reparatur vor Afrika den Anker werfen müssen. Wochenlang lag das Schiff dort, viele Seemänner starben schließlich an Typhus. Der Vorfall in der Bucht, die seitdem „Russian Bay“ heißt, wäre vielleicht längst vergessen, hätte er nicht Eingang in ein Volkslied gefunden: „Wir lagen vor Madagaskar.“ (dpa)

 
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