25.09.2008 |

Piraten bedrohen Seefahrt

Hamburg. Piraten - das klingt nach Seefahrerromantik. Nach Augenklappe, Holzbein und einsamen Schatzinseln. Die Realität aber sieht anders aus, und sie treibt Reedern und Sicherheitsexperten tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Die Warnmeldungen, die das auf die Pirateriebekämpfung spezialisierte International Maritime Bureau (IMB) in London momentan fast täglich von der somalischen Küste verbreitet, lesen sich wie Nachrichten aus einem Kriegsgebiet. Von Angriffen mit Maschinengewehren und Panzerfäusten ist dort häufig die Rede, von spurlos verschwundenen Handelsschiffen ebenfalls.

„Das ist eine Eskalation in diesem Jahr, und es hört gar nicht mehr auf“, stöhnt Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR) in Hamburg. Spätestens nachdem in den vergangenen Wochen mehrere Schiffe deutscher Eigner vor Somalia von schwer bewaffneten Seeräubern entführt wurden, sind Unternehmen und Fachleute auch hierzulande aufs Höchste beunruhigt. Die Situation sei „sehr alarmierend“, sagt Lutz Feldt, ehemaliger Inspekteur der deutschen Marine und derzeit Vorsitzender einer Sicherheitskonferenz, die sich am Rande einer Schiffbaumesse in Hamburg mit dem Problem befasst.

Mit Piraten-Überfällen ist die Branche vertraut. Bangladesch, Karibik, Südchinesisches Meer - die Liste der gefährlichen Regionen ist lang. Überall wo Armut herrscht, greifen verzweifelte Menschen zur Machete oder Pistole und betätigen sich als Seeräuber. Nirgendwo aber ist die Lage derzeit so angespannt wie vor Somalia. In dem jüngsten Halbjahresbericht des IMB wird das nordostafrikanische Land als „der Brennpunkt“ bezeichnet. 24 Piratenüberfälle wurden von dort in 2008 bereits gemeldet. Während die Zahl der Überfälle weltweit gesehen sank, stieg sie vor Somalia deutlich an, erläutert VDR-Chef Nöll.

Tatsächlich sei das Gebiet am krisengeschüttelten Horn von Afrika ein Sonderfall, sagt Svante Domizlaff, Sprecher der Deutsche Afrika-Linien (DAL). Piraterie sei dort weniger ein klassisches Armutsproblem als ein gut organisiertes Geschäft von militärisch hochgerüsteten Bürgerkriegsmilizen. Diese nutzen die Anarchie in dem von einem blutigen Konflikt zerrissen Land, um Schiffe und deren Besatzungen zu entführen und Lösegeld zu erpressen. Die Banden operieren dabei teils weit vor der Küste von seetüchtigen Mutterschiffen aus. „Das hat mit klassischer Piraterie nicht mehr viel zu tun“, sagt Domizlaff.

Der Reederdachverband VDR drängt deshalb seit Monaten auf eine aktivere Rolle der deutschen Marine bei der militärischen Piraten-Bekämpfung am Horn von Afrika. Bislang ist es den dort im Rahmen der internationalen Antiterror-Operation Enduring Freedom (OEF) stationierten deutschen Schiffen verboten, die Aktivitäten der Seeräuber aktiv zu unterdrücken. Zwar dürfen sie angegriffenen Schiffen zur Hilfe kommen; Piraten verfolgen oder verdächtige Mutterschiffe verjagen aber dürfen sie anders als Einheiten anderer NATO-Staaten aus rechtlichen Gründen nicht.

Das soll sich erst ab Dezember teilweise ändern. Dann soll sich Deutschland nach dem Willen der Bundesregierung an einer speziellen Marine-Mission der EU gegen die Piraten am Horn von Afrika beteiligen, deren Mandat dann den nötigen rechtlichen Rahmen definiert. Dem VDR indes ist dies zu kompliziert, und er hält es obendrein für unnötig. „Wir finden das alles viel zu langsam“, sagt Nöll. Nach Auffassung des Verbands könne der Einsatzbefehl für die deutsche Marine sofort erweitert werden. Das Grundgesetz erlaube bereits jetzt die Piratenbekämpfung, da diese durch ein internationales Seerechtsabkommen gedeckt werde.

In nächster Zeit will der VDR einen Brief an die im Bundestag vertretenen Parteien verschicken, um für seine Position zu werben. Man sei nicht schießwütig, sagt Hauptgeschäftsführer Nöll. Aber zahlreiche Entscheidungsträger hierzulande hätte die Brisanz des Piraten-Problems offenbar nicht erkannt: „Die Dinge eskalieren.“ Die deutsche Handelsflotte sei zudem die drittgrößte der Welt. Neue Überfälle auf die Schiffe deutscher Eigner vor Somalia seien somit „sehr wahrscheinlich“. (dpa)

 
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