Interview: „Wir erleben gerade eine Mobilitätsrevolution“

02.05.2012 09:00 Uhr
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Der kommissarische Generalsekretär des Weltverkehrsforums Hans Michael Kloth 
© Foto: ITF

Das Weltverkehrsforum tagt seit Mittwoch in Leipzig. Interview mit dem kommissarischen Generalsekretär des Forums, Hans Michael Kloth

Leipzig. Das Weltverkehrsforum kommt ab diesem Mittwoch unter der Präsidentschaft Japans zu seinem 5. Treffen in Leipzig zusammen. Rund 1000 Experten, drunter viele Verkehrsminister der 53 Mitgliedsstaaten, sprechen bei der dreitägigen Konferenz über den Verkehr der Zukunft. Das diesjährige Motto: „Nahtloser Verkehr: Verknüpfungen schaffen“. Das Weltverkehrsforums arbeitet unter dem Dach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der kommissarische Generalsekretär Hans Michael Kloth erläutert im Interview die Höhepunkte und Ziele des diesjährigen Treffens.

Das erste Treffen vor fünf Jahren hatte die Herausforderungen des Klimawandels an den Transport- und Logistik-Sektor zum Thema. Wie ist Situation heute?
Kloth:
Die Herausforderung durch den Klimawandel ist ein roter Faden in der globalen Verkehrspolitik. Der Verkehr ist heute immer noch zu rund 95 Prozent von Öl abhängig. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Mobilität in den Schwellenländern mit dem wachsenden Wohlstand dramatisch an. Allein das Frachtvolumen dürfte sich außerhalb der OECD bis 2050 verfünffachen. Selbst wenn es uns gelingt, den Schadstoffausstoß in der entwickelten Welt bis 2050 zu stabilisieren wird er global um den Faktor 1,5 bis 2,5 zunehmen. Deshalb ist tiefgreifender Wandel nötig. Alternative Antriebsenergien müssen auf breiter Front zum Einsatz gebracht und vor allem die Effizienz der Verbrennungsmotoren weiter verbessert werden.

Das fünfte Treffen steht unter dem Motto „Nahtloser Verkehr“. Was genau ist damit gemeint?
Nahtloser Verkehr ist die Vision, Menschen und Güter möglichst reibungslos, effizient und nutzerfreundlich zu bewegen. Ohne Stress, ohne Zeitvergeudung, mit optimalem Ressourceneinsatz. Die Verkehrsträger Straße, Schiene, Schiff, Luftfahrt sind, für sich genommen, heute gut aufgestellt. Noch besser organisieren können wir den Verkehr vor allem an den Nahtstellen: Warum ist es oft so kompliziert, vom Flugzeug auf die Bahn umzusteigen? Weshalb dauert die Grenzabfertigung so lange? Warum gibt es nicht ein einziges Tür-zu-Tür-Ticket für meine gesamte Reise? Mobilität wird heute zunehmend auch durch Bits und Bytes ermöglicht. Die traditionelle Verkehrsinfrastruktur und die neue digitale Welt kommen zusammen: Mein Smartphone sagt mir in Echtzeit, wann mein Bus kommt. Mein Auto findet den Weg um den Stau herum. Meine Monatskarte funktioniert bei Regionalbahn, ÖPNV, Stadtrad und Carsharing. Wir erleben gerade eine Mobilitätsrevolution.

Von der Denkfabrik ITF und vom Treffen der Verkehrsminister werden keine verbindlichen Beschlüsse ausgehen. Welche Impulse kann es aber geben?
Das Interesse von Staaten aus aller Welt zeigt uns, dass das Weltverkehrsforum ein wichtiges Angebot macht. China nimmt dieses Jahr zum ersten Mal als Vollmitglied teil. Chile wird am 3. Mai voraussichtlich als neues Mitglied aufgenommen werden. Für Regelsetzung sind Gremien wie die UN-Schifffahrtsorganisation IMO oder die UN-Luftfahrtagentur ICAO zuständig, das ist richtig. Aber nur das Weltverkehrsforum bietet den Ministern Freiraum, mit Kollegen aus der ganzen Welt über die Mobilität von morgen nachzudenken, ohne den Druck einer Verhandlungssituation mit Einigungszwang. Im Verkehrsbereich werden Milliarden investiert. Infrastrukturprojekte wie Tunnel oder Brücken haben eine Lebensdauer von hundert oder mehr Jahren – da wollen Entscheidungen wohl durchdacht und im Zeitalter der Globalisierung auch international eingetaktet sein.

Interview dpa/Gitta Keil 

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