23.01.2012 | Transport + Logistik

Hermann: „Nicht den ganzen Neckar für 135-Meter-Schiffe ausbauen“

Ein Verkehrsträger geht in der Diskussion meist unter. Was wollen Sie für das Binnenschiff tun?
Winfried Hermann: Das Binnenschiff hat beim Transport in den letzten Jahren ziemlich verloren. Die typischen Verkehre auf der Wasserstraße mit Massen- und Schüttgut wurden immer weniger. Durch die Containerisierung besteht dort jedoch eine Chance auf Renaissance. Doch das Potenzial ist begrenzt. Auf dem Neckar ist kein vierlagiger Containerverkehr möglich, da müsste ich alle historischen Brücken abreißen lassen.

Auf dem Rhein wäre durchaus noch Platz für mehr Güterverkehr, gerade im Seehafenhinterlandverkehr.
Ja, das sehe ich auch. Wir möchten das Binnenschiff stärken. Mein Ziel ist, dass die Schleusen des Neckars maßvoll modernisiert und verlängert werden. Doch Doppelkammern werden es nicht werden, da müssen wir sparen.

Wie soll der Ausbau aussehen?
Mit dieser Aussage mache ich mich zwar unbeliebt, aber es ist schlicht die Anerkennung der Realität: Wir können nicht mit einem Schlag den ganzen Neckar für 135-Meter-Schiffe ausbauen. Das dafür nötige Geld hat der Bund nicht. Deshalb setze ich mich dafür ein, den Ausbau etappenweise voranzubringen. Zuerst die Strecke zwischen Mannheim und Heilbronn, dann weiter bis Stuttgart und wenn am Schluss noch Geld und Bedarf da ist, auch die Strecke bis Plochingen. Ein Blick auf die Tonnagen zeigt, dass der Abschnitt zwischen Mannheim und Heilbronn mit Abstand die wichtigste Strecke ist – mit rund 10 Millionen Tonnen in der Prognose für 2025. Zwischen Stuttgart und Plochingen wird nur noch ein Bruchteil dieser Tonnage gefahren, die Prognosen lassen jährlich 1,5 Millionen Tonnen erwarten. Hier geht es vor allem um Kohle für die Energieerzeuger. Bei diesen Zahlen sind die Energiewende und der Umstieg von Kohlekraftwerken auf klimafreundlichere Energieträger gar nicht eingerechnet.

Sie unterstützen also den Ansatz des Bundes, das Geld in stark befahrene Wasserstraßen zu stecken?
Ja, doch das gilt für alle Verkehrsträger. Ich halte es für einen großen Irrglauben der Politik, dass man mit Infrastruktur die wirtschaftliche Entwicklung lenken könnte. Das mag zu Beginn des Zeitalters der Industrialisierung der richtige Ansatz gewesen sein, doch dieses geht zu Ende und wir befinden uns in einer Wissensgesellschaft. Neue Industrie werden wir im großen Stil nicht mehr in Deutschland ansiedeln, unsere Stärke ist die Dienstleistung und hochwirtschaftliche Hightechproduktionen. (sb)

Das vollständige Interview mit Verkehrsminister Winfried Hermann mit Aussagen zu seinen Erfahrungen mit Stuttgart 21, der Infrastrukturpolitik und seiner Haltung zum Lang-LKW ist in der VerkehrsRundschau Ausgabe 3/2012 am Freitag den 20. Januar 2012 erschienen. 

 
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