26.01.2009 |

Frankreich sucht Kraftprobe mit Autoindustrie

Paris. Keine Hilfe ohne Gegenleistung. Nach diesem Prinzip will der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Autokrise nutzen, um die Konzerne zu einer radikalen Umkehr ihrer Investitionsstrategie zu zwingen. Die Autobauer sollen wieder mehr im Inland fertigen, einkaufen und helfen, die Zulieferbranche fit für den Wettkampf mit der übermächtigen deutschen Konkurrenz zu machen. Doch nicht alle Unternehmen wollen sich vom Staat bei ihren Entscheidungen herein reden lassen. Jetzt sucht Sarkozy die Kraftprobe.

Er werde die Schlüsselbranche nicht fallen lassen, die jeden zehnten Arbeitsplatz in Frankreich sichere, sagt der Präsident. Allerdings sollen Renault und PSA Peugeot Citroën nur dann weitere Staatshilfen erhalten, wenn sie den Erhalt der Werke in Frankreich garantieren. Premierminister François Fillon forderte zudem kaum verhohlen, dass die Konzerne im Inland einkaufen. „Eine Einkaufstrategie der Hersteller, die fast ausschließlich nach den niedrigsten Kosten sucht, ist nicht nachhaltig“, sagte er.

Bei Renault läuft Sarkozy mit seinem Interventionismus offene Türen ein. Der Staat ist mit gut 15 Prozent Großaktionär und damit auch Arbeitgeber von Konzernchef Carlos Ghosn. Außerdem benötigt Renault neun Milliarden Euro und hat große Probleme mit den Banken bei der Refinanzierung. Ghosn sicherte Sarkozy zu, kein Werk zu schließen und keine Fertigung auszulagern, und verzichtete auf Druck der Regierung auf seine Gehaltsprämie von zuletzt 1,4 Millionen Euro.

Ganz anders PSA: Europas zweitgrößter Autobauer wird beherrscht von der Familie Peugeot, und die pocht auf ihre Unabhängigkeit. „Der Staat darf sich weder an die Stelle des Managements noch an die der Aktionäre setzen“, sagt Konzernchef Christian Streiff. PSA werde weiter Kapazitäten in Frankreich «anpassen», also abbauen. Einen Kapitaleinstieg des Staates lehnt Streiff ab. PSA benötige aber liquide Mittel zu vernünftigen Zinsen. Und das nicht zu knapp: sechs Milliarden Euro. „Die vom Markt geforderten Zinsen sind nicht gerechtfertigt, denn das Risiko der Insolvenz eines großen europäischen Autoherstellers ist praktisch null“, sagt Streiff. Und über die Boni entscheide die Hauptversammlung.

PSA nimmt Sarkozys Kraftprobe also an. Die Regierungspläne könnten am Ende darauf hinauslaufen, dass Renault und PSA günstige Werke im Ausland schließen, um Fertigung nach Frankreich zu holen. Anders als die deutschen Autobauer, die teilweise im Inland neue Werke hochzogen, haben die Franzosen Produktion in europäische „Billiglohnländer“ verlagert.

Krisenbändiger Sarkozy macht daher eine enttäuschende Erfahrung: Seine Maßnahmen der Förderung des Autoabsatzes wirken zwar, verpuffen aber auf dem Arbeitsmarkt. Die Kombination einer Verschrottungsprämie für Altwagen mit einem Öko-Bonus für Kleinwagen trieb wie gewünscht im Dezember den Absatz von Renault um 36 Prozent und von PSA um 29 Prozent in die Höhe. Doch viele der Verkaufsrenner wurden in Tschechien, Rumänien und Spanien gebaut.

Seit 2002 drosselten PSA und Renault die Fertigung in Frankreich von 3,2 auf 2,2 Millionen Autos. In der Folge rutschte Frankreichs Auto-Handelsbilanz 2008 erstmals um geschätzte eine Milliarde Euro ins Defizit. Und der Trend geht weiter: Die Regierung schätzt, dass sich die Fertigung im Inland in sieben Jahren fast halbieren wird.

Denn Europas Autobranche leidet unter 20 Prozent Überkapazitäten und die EU-Kommission rechnet vor, dass die Produktion weiter „von West nach Ost wandern“ wird. Ghosn beziffert den Kostenvorteil der neuen EU-Staaten, der in Frankreich steuerlich ausgeglichen werden müsste, auf zehn Prozent des Verkaufspreises.

Frankreichs Problem sind die hohen Arbeitskosten und der schwache Unterbau der Lieferanten. Die Kosten je Arbeitsstunde seien in den vergangenen zehn Jahren im Vergleich zu Deutschland um 20 Prozent gestiegen, klagt Industrie-Staatssekretär Luc Chatel. Vergleichbar forschungsstarke Lieferanten wie Bosch und Conti habe Frankreich nicht zu bieten. Die Regierung hat daher mit PSA und Renault einen Fonds über 300 Millionen Euro aufgelegt, um die Zulieferbranche fit für den Wettbewerb zu machen.

Jetzt brüten Sarkozys Experten über neue Maßnahmen für die Autobranche. Fünf bis sechs Milliarden Finanzhilfen hat Fillon schon mal zugesagt. Der Fonds für die Lieferanten dürfte wohl aufgestockt werden. Außerdem will Sarkozy den Herstellern beim Umstieg auf die Hybrid- und Elektrotechnik helfen. Doch da gibt es Probleme mit den Wettbewerbshütern. Gespräche mit der EU-Kommission und der Bundesregierung laufen bereits. (dpa)

 
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